ADHS

ADHS

Wenn die täglichen Hausaufgaben zur Tortur für Kind und Eltern werden, wenn der Gang zur Kirche zum Horrortrip wird, wenn sich das Kind nicht mehr konzentrieren kann, aufbrausend und kompromisslos ist, dann steckt oft ein Phänomen dahinter, von dem sich Experten bis heute unsicher sind, ob man es als Erkrankung ansehen kann. Die Rede ist von ADHS – dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom.

Meistens wird das Syndrom im Kindesalter festgestellt, häufig erst um die Zeit der Grundschule. Entgegen der landläufigen Meinung kann ADHS auch bei Erwachsenen auftreten, allerdings ist dieser Fall ungleich seltener. Rund die Hälfte der Kinder, die an ADHS erkrankt sind, verliert die Symptomatik mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Der Weg dorthin ist allerdings häufig sehr schwer und bedarf vieler Nerven und großer Geduld der Eltern, Freunde und Angehörigen. Die Verhaltensmuster, die ein ADHS-Patient mitunter an den Tag legt, können leicht von Zeitgenossen als Boshaftigkeit und Aggressivität missverstanden werden, weswegen betroffene Kinder nicht selten soziale Schwierigkeiten im täglichen Leben und insbesondere im Schulalltag bekommen.

Umso wichtiger sind sowohl eine angemessene Therapie, als auch eine Aufklärung der Mitmenschen über das Thema ADHS. In der Abkürzung ADHS steht der Buchstabe H für Hyperaktivität. Diese Eigenschaft weisen aber nicht alle Patienten auf, so dass es alternativ auch noch die Bezeichnung ADS gibt.
Etwas 500.000 Personen leiden in Deutschland an ADHS. Jungen sind dabei weitaus häufiger betroffen, als Mädchen; zwischen 85 % und 90 % entfallen auf das männliche Geschlecht.

Wie zeigt sich ADHS? Woran erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist?

Wie der Name Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom bereits verrät, handelt es sich bei vorliegendem Phänomen um ein Syndrom. Dies bedeutet, dass es nicht das eine Krankheitsanzeichen gibt, sondern ein ganzer Komplex aus verschiedenen Symptomen vorliegt. Alle klinischen Anzeichen des ADHS können für sich alleine genommen auch Hinweis auf andere psychische Störungen, Sorgen oder Erkrankungen des Betroffenen hinweisen.
Die Kombination aus nachfolgend genannter Symptomatik führt zu der ärztlichen Diagnose ADHS. Kardinalsymptom ist eine sehr ausgeprägte Unfähigkeit, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Dabei sind die Schwierigkeiten besonders groß bei Dingen, hinter denen eingewisser Zwang steht. D. h. es fällt dem Kind nochmals schwerer, sich auf die Mathematikhausaufgaben zu konzentrieren, als die Aufmerksamkeit einem beliebten Buch oder Spiel zu widmen.

Grundsätzlich ist die Fähigkeit, sich für eine bestimmte Zeit auf eine spezifische Thematik einzulassen, sehr begrenzt und dies zeigt sich insbesondere in schulischen Tätigkeiten. Die Reaktionen auf äußere Reize, wie z. B. ein Rufen oder Ermahnen, sind aufgrund der verringerten Aufmerksamkeit verlangsamt. Bemüht sich das Kind dennoch, sich einer Tätigkeit hinzugeben und ein gewisses Maß an Konzentration aufzubringen, so ist es dennoch sehr leicht durch andere Reize ablenkbar. Folge ist dann oft, dass es von der bisherigen Tätigkeit ablässt und sich der neuen Aufgabe zuwendet

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Besonders auffallend bei ADHS ist eine sich sehr früh einstellende Ungeschicklichkeit bei der Ausführung von motorischen Aktivitäten. Beim gemeinsamen Abendessen der Familie fällt der Löffel eher fünf- als zweimal herunter. Auch das Erlernen von komplexen motorischen Fähigkeiten, wie Basteln, Zeichnen oder Schreiben ist erschwert und gelingt in vielen Fällen nicht zufriedenstellend. Viele ADHS-Kinder zeichnen sich weiterhin durch eine Erniedrigung der Aggressionsschwelle aus. Sie reagieren rasch ungehalten, werden wütend und tun dies lautstark kund. Hier kann es nicht selten im Laufe der Krankheitsgeschichte zu massiven Problemen beim Aufbau sozialer Kontakte kommen. Denn: Aggressive Kinder werden in der Schule oft gemieden.
Bleibt schlussendlich noch die Hyperaktivität.

Wie bereits erwähnt, kommt diese Eigenschaft nicht zwangsläufig im Rahmen des ADHS vor. Dennoch ist sie ein Charakteristikum des beschriebenen Störungsbildes; nennt man ADHS-Kinder umgangssprachlich auch oft „Zappelphillip“. Dabei fällt es den Betroffenen sehr schwer, ruhig zu sitzen und sich für eine bestimmte Zeit einmal nicht zu bewegen. Besonders problematisch sind Situationen, in denen ein gewisses Maß an Ruhe erwartet wird; z. B. in der Kirche oder beim Unterricht.

Wie entwickelt sich ADHS im Laufe des Lebens?

Erste Anzeichen für ADHS treten bereits im Säuglings- bzw. Kleinkindesalter auf. Sie sind dann allerdings noch nicht so charakteristisch, wie sie dies im Laufe der Entwicklung werden. Die Kleinkinder leiden zunächst oft unter Ein- und Durchschlafstörungen und wirken bereits zu diesem frühen Zeitpunkt nervös und unausgeglichen. Häufig leiden sie unter Durchfall und Blähungen, was typisch für Menschen mit Stress und großer Unruhe ist.

Spezifischer wird die Symptomatik mit Beginn der Kindergartenzeit, da der Nachwuchs hier erstmalig vielen sozialen Kontakten außerhalb der Familie ausgesetzt ist. Gerade dieses Alter zwischen Säugling und Grundschulkind ist geprägt von motorischen Ungeschicklichkeiten wie dem Unvermögen, mit Messer und Gabel zu essen. Kaum stillbare Wutanfälle treten nicht selten auf, was den Aufbau von ersten Freundschaften signifikant erschwert.
Mit Start der Grundschule erreicht der Betroffene das Vollbild des ADHS; durch die nun erwartete Lerntätigkeit verschärfen sich die Konzentrationsdefizite zunehmend. Insbesondere Fähigkeiten wie die Rechtschreibung und Kopfrechnen fallen ADHS-Kindern schwer, was u. U. zu Frustration und aggressiven Verhaltensmustern führt. Durch das für die anderen Schüler nicht nachvollziehbare Verhalten wird der Patient mehr und mehr isoliert, der Frust steigt, die Leistungen werden schwächer, ein Teufelskreis beginnt. Charakteristisch ist ebenfalls die oft unleserliche Schrift, die auf die motorischen Probleme des Kindes hinweist.

Beginnt die Pubertät, schlägt bei zahlreichen Menschen mit ADHS das aggressive Verhalten in depressive und trotzige Wesenszüge um. Oft ziehen sich die Jugendlichen zurück; das Risiko, einer Drogensucht zu verfallen ist erhöht. Im Erwachsenenalter bleiben die Symptome weitestgehend erhalten, was den Aufbau einer Partnerschaft, sowie die Integration in die Berufswelt zu erschweren vermag. Die Risikobereitschaft von ADHS-Patienten ist erhöht, wodurch sie häufiger als Nichtbetroffene an Autounfällen o. ä. beteiligt sind.
Bringt ADHS auch gewisse positive Eigenschaften mit sich?

Zweifelsohne sind ADHS-Patienten liebevolle Menschen, denen eine besondere Zuwendung zuteil werden sollte. So ungerecht und unverständlich ihr Verhalten auch erscheinen mag, sie machen es keinesfalls aus Boshaftigkeit. Auch wenn sie Schwierigkeiten in der Umsetzung haben – Betroffene sind vollkommen normal intelligent und besitzen nicht selten sogar außergewöhnliche Begabungen. Sie lassen sich enorm schnell für Dinge begeistern. Charakteristisch ist außerdem ein sehr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit in sämtlichen Lebenslagen. Wenn es einem gelingt, sich mit den manchmal schwer verständlichen Verhaltensmuster eines ADHS-Betroffenen vertraut zu machen, kann es eine wahre Bereicherung für das Leben sein, mit einem solchen Menschen befreundet zu sein.

Diagnosestellung bei ADHS

Wie bei vielen Krankheiten aus dem Bereich der Psychiatrie lässt sich eine eindeutige Diagnose nur schwer stellen. Es ist nicht möglich, dem Patienten Blut abzuzapfen, einen Urinbecher zu füllen und das Röntgengerät anzuschalten und man erhält die Diagnose ADHS. Leider lassen sich viele, das Verhalten und die Psyche betreffende Erkrankungen so nicht nachweisen. Vielmehr gilt es hier, durch umfangreiche Beobachtungen, Patientenbefragungen, Aussagen der Eltern und Dokumentationen dem Kern der Symptomatik auf den Grund zu gehen. Grundlage der Diagnosestellung bei ADHS ist die Erhebung einer ausführlichen Anamnese bzw. die genaue Beleuchtung der Lebensgeschichte des Patienten. Dabei wird auch darauf geschaut, ob es in der Familie bereits ähnliche Phänomene gab. Komplikationen bei der Schwangerschaft scheinen ebenfalls ein Hinweis zu sein, der bei entsprechender Symptomatik die Diagnose ADHS stützt. Der Arzt muss weiterhin nachvollziehen können, wie sich die familiäre und soziale Situation der Familie darstellt.

Obwohl sich ADHS nicht eindeutig durch bestimmte naturwissenschaftliche Parameter nachweisen lässt, gehört eine ausführliche körperliche Untersuchung zwingend zum Procedere dazu. Entscheidend sind letztendlich Attribute wie Impulsivität, Lern- und Konzentrationsstörungen, leichte Ablenkbarkeit und Ungeschicklichkeit, die zur Diagnosestellung führen. Zur genaueren Differenzierung zwischen krank und gesund existieren mittlerweile spezielle Testverfahren (ADHS-Test, IQ-Test), in denen die Fragen speziell auf ADHS abgestimmt sind. Ein bestimmter, durch die jeweiligen Antworten ermittelter Score bestätigt oder widerlegt die Diagnose. Schließlich sollten anderweitige Erkrankungen ausgeschlossen werden (Epilepsie, Depression, Hirntumor, etc.)

Was wird in einem ADHS-Test gefragt?

  • Bestehen Probleme, lang andauernde Tätigkeiten konzentriert auszuführen?
  • Werden verlangte Aufgaben zu Ende gebracht?
  • Dauert es mitunter sehr lange, bis das Kind auf Rufe reagiert?
  • Führt das Kind Dinge aus, um die es angehalten wird?
  • Ist es dem Kind möglich, auch kleine Details einer Sache zu erkennen?
  • Fällt es dem Kind schwer, still zu sitzen?
  • Gehen dem Kind viele Alltagsgegenstände verloren?
  • Lässt sich das Kind rasch von äußeren Reizen ablenken, obwohl es anderweitig beschäftigt ist?
  • Vermeidet das Kind anspruchsvolle Schulaufgaben?
  • Macht es viele Flüchtigkeitsfehler?
  • Ignoriert das Kind soziale Belange (wie z. B. andere ausreden lassen)?
  • Bestehen die Probleme bereits seit dem Kindergartenalter?


Wodurch wird ADHS genau ausgelöst?

Eine genaue Ursache für ADHS konnte bis heute nicht zweifelsfrei erkannt werden. Allerdings gilt es als sicher, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, d. h. es liegen vermutlich immer mehrere Faktoren gemeinsam vor, ehe es zum Vollbild der Störung kommt. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Kombination aus genetischer Prädisposition, Störungen im sozialen Umfeld (wie z. B. ein Trauma, Trennung der Eltern, Misshandlungen, etc.) und erworbene Faktoren. Bei letzteren gelten Probleme bzw. Komplikationen während der Schwangerschaft oder dem eigentlichen Geburtsvorgang als wahrscheinlich.

Genetische Veränderungen gelten deswegen als annähernd sicher bewiesen, da es sehr oft zu familiären Häufungen von ADHS kommt. Die Störung im Erbgut führt dazu, dass im Gehirn des Betroffenen der Neurotransmitter Dopamin in zu geringem Ausmaß vorliegt. Diesem Mangel folgt eine erschwerte Übertragung von elektrischen Impulsen im Gehirn. Der Zustand erklärt insbesondere das mangelnde Konzentrationsvermögen und die motorische Ungeschicklichkeit. Bestimmte Hirnareale verfügen außerdem über einen geringeren Energieverbrauch, was auf eine verminderte Aktivität in diesen Regionen schließen lässt.

Rauchen und Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft wird als weiterer Risikofaktor in Erwägung gezogen. Evtl. stören die aufgenommen Toxine bestimmte Entwicklungsprozesse des kindlichen Gehirns.

Gibt es prophylaktische Maßnahmen gegen ADHS?

Genetisch determinierte Fakten lassen sich freilich nicht beeinflussen. Eine gesunde Lebensweise während der Schwangerschaft (Verzicht auf Alkohol und Tabak), sowie ein stabiles familiäres Umfeld vermögen das Risiko des Auftretens aber wahrscheinlich signifikant zu verringern.

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Je nach Ausprägung des ADHS existiert eine Reihe von Möglichkeiten, therapeutisch zu intervenieren. Wie erwähnt handelt es sich bei ADHS um ein Syndrom, dass durch zahlreiche Faktoren ausgelöst wird. Ähnlich sollte auch die Behandlung aus vielen, einander zuspielenden Faktoren bestehen. Fachbegriff hierfür ist die multimodale Therapie. Folgende Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung:

  1. Pharmakologische Therapie durch psychostimulierende Arzneimittel wie Methylphenidat
  2. umfangreiche Aufklärungsarbeit für den Patienten selber, aber auch für sämtliche Angehörige, Lehrer, Schulkameraden, Freunde, etc.
  3. Betreuung der Eltern: Diese sollten durch spezifisches Elterntraining frühzeitig lernen, die häufig auftretenden Konfliktsituationen zu entschärfen und die Erziehung trotzdem bestmöglich zu gewährleisten.
  4. Verhaltestherapie: Hierbei soll der Betroffene mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten erlernen, die Symptome besser zu kontrollieren, Konflikte zu vermeiden und das Aufmerksamkeitsdefizit soweit wie möglich zu verringern. Neben der Erhöhung der Leistungsfähigkeit steht als weiteres zentrales Ziel der Verhaltenstherapie die Möglichkeit zur Verbesserung sozialer Kontakte im Mittelpunkt.
  5. Sporttherapie: Vor allem regelmäßiger Ausdauersport verringert die innerliche Unruhe und erhöht das Selbstbewusstsein des ADHS-Betroffenen. Eventuelle Vereinssportarten können die soziale Integration verbessern.
  6. Psychotherapie: Hierbei werden die begleitenden Symptome, wie Angst und Depressionen behandelt.


Der Promi unter den Psychopharmaka – Methylphenidat

Viele kennen es – viele nehmen es: Methylphenidat! Das Medikament zur Erhöhung der Konzentration. Leider wird das hochwirksame und für ADHS-Patienten segensreiche Arzneimittel nicht immer verantwortungsvoll angewendet. Nicht wenige Menschen konsumieren es, um im Alltagsleben bessere Leistungen zu erzielen, ohne dabei krank zu sein. Methylphenidat gehört zur Wirkstoffklasse der psychostimulierenden Medikamente. Sie bewirken an den Synapsen eine Verlängerung der Wirkdauer der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin und damit eine verbesserte zentralnervöse Signalübermittlung. Das bei ADHS gestörte Verhältnis unter den Transmittern wird so wieder hergestellt und die Symptomatik bessert sich bei knapp 90 % der Patienten.

Alternative Arzneimittel gegen ADHS

Methylphenidat ist der Wirkstoff der Wahl. Wird dieser jedoch von einzelnen Patienten nicht vertragen, so kommen als alternative Präparate Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRA) wie z. B. Citalopram in Frage. Diese vermindern die Wiederaufnahme von Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt in den präsynaptischen Endkopf. Dadurch steigt die Konzentration von Noradrenalin im Hirnwasser.

Leben mit ADHS – keine unmögliche Aufgabe

Ohne Frage: ADHS stellt eine große Belastung sowohl für den eigentlich Betroffenen, als auch für Eltern, Angehörige und Freunde dar. Wichtig ist von Anfang an der offene und progressive Umgang mit dem Störungsbild. Je mehr die Mitmenschen und der Patient über das Syndrom wissen, desto besser lassen sich die Symptome in das Alltagsleben integrieren. Wie erwähnt steht heute eine breite Palette an Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Nicht zuletzt die Pharmaforschung hat mit der Entwicklung des Wirkstoffs Methylphenidat dazu beigetragen, dass die früher
gefürchteten „vier Buchstaben“ viel von ihrem Schrecken verloren haben. Gelingt es, so früh wie möglich die medikamentöse Behandlung mit den anderen Modulen der Therapiepalette zu kombinieren, ist vom „Zappelphillip“ bald kaum noch die Rede. Der Patient kann sich auf ein weitestgehend normales und erfülltes Leben freuen. Vielleicht einfach nur manchmal etwas energiegeladener, als die Zeitgenossen…

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)