Antibabypille: Revolutionär und millionenfach bewährt

Pille danach und Notfallverhütung mit "normalen" Pillen
Frauen (und Männer) in den westlichen Industrienationen können es sich einfach nicht mehr vorstellen, wie ihre Mütter und Großmütter das Verhüten mit der Anti-Baby-Pille auskommen konnten. Die allseits einfach als "Pille" bekannte Hormontablette zur Verhütung unerwünschter Schwangerschaften hat - dessen sind sich die jungen Damen von heute meist nicht bewusst - das Lebensgefühl der jetzigen Generation erheblich beeinflusst. Der Einführung der Pille Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts  konnte die so genannte sexuelle Befreiung folgen, für Nostalgiker sei an Oswalt Kolles "Deine Frau - das unbekannte Wesen" erinnert. Und  auch der Slogan der Flower-Power Hippie-Zeit "make love, not war" wäre ohne Verhütungspille kaum denkbar gewesen.

Verhütender Wirkmechanismus

Antibabypille

Die Wirkung der Pille beruht auf einem kleinen aber feinen Eingriff in den weiblichen Hormonzyklus. Die Grundsteine dazu wurden gelegt ab den 1920-Jahren. Damals begannen die später so genannten Biochemiker Schritt für Schritt die vorher gänzlich unbekannten Regelkreise des fein abgestimmten menschlichen Hormonsystems zu verstehen. Den Beginn machten die Beschreibung des Insulins und der Kortikoide der Nebennierenrinde. Erst später, nach dem zweiten Weltkrieg, kam dazu das nochmals eine Stufe komplexere Spiel von zentraler Stimulation und peripherer Hemmung, das den  weiblichen Zyklus steuert.

Der Zyklus einer Frau im gebärfähigen Alter beruht vereinfacht auf den folgenden hormonellen Steuerungen: Im Hirn wird das Hormon GnRh ausgeschüttet. GnRh bedeutet Gonadatropin-Releasing-Hormon, es wirkt auf die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und steigert dort die Ausschüttung der Hormone FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon). Diese wiederum lassen im Eierstock ein Ei heranreifen und bringen es zum Eisprung, die dort gebildeten Hormone Oestrogen (Follikelhormon) und Progesteron (Gelbkörperhormon) wirken wiederum auf das GnRh im Hirn. Falls es nicht zu einer Befruchtung des gesprungen Eis kommt, beginnt der Zyklus von vorn.

Wirkstoff der Pille

Seit Anfang der sechziger Jahre war es technisch möglich, verschiedene chemische Varianten des Oestrogens und des Progesterons zu synthetisieren und als Medikament in eine Pille zu verbringen.  Die Antibabypille wirkt direkt im Hirn, indem sie die Ausschüttung von GnRh bremst. Damit geht auch die Produktion der Hormone FSH und LH zurück, es reift kein weiteres Eibläschen heran, es gibt keinen Eisprung. Und damit ist auch keine Schwangerschaft möglich. Nach dem Absetzen der Pille wird einige Tage später eine Abbruchblutung analog der monatlichen Regel erzeugt. Moderne Pillen enthalten so gut wie immer 20 Mikrogramm des künstlichen Oestrogens Ethinylestradiol. Der Unterschied zwischen den diversen Markenprodukten der pharmazeutischen Hersteller liegt im Gestagen, also dem Progesteron-Analogon. Dieser Anteil entscheidet auch darüber, ob eine Pille gut vertragen wird.Neben der gebräuchlicheren Pille mit Oestrogen- und Progesteron-Anteil gibt es die Minipille nur  mit Progesteron. Diese verhindert den Eisprung nicht, sondern wirkt über eine Veränderung des Schleimhautmilieus der Scheide und der Gebärmutter, das die Bewegungsfähigkeit der Spermien bremst.

Pearl-Index

Aus diesem Grund ist die Minipille nicht ganz so sicher wie die Pille, beide aber müssen streng nach Vorschrift genommen werden. Das Versagen einer Verhütungsmethode wird mit dem Pearl-Index beziffert. Der Index gibt an, wie viel Prozent der Frauen, die genau ein Jahr mit diesem Mittel verhütet haben, schwanger werden. Als sicherste Methode gilt die Sterilisation, sie hat einen Pearl Index von 0,1 bis 0,4. (Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass dieser Wert nicht gleich Null ist. Doch die Durchtrennung oder das Abbinden der Eileiter hat genau diese Fehlerquote.)  Die Antibaby-Pille liegt kaum schlechter, sie hat einen Pearl Index von 0,1 bis 1. Die Spirale folgt mit 0,1 bis 2, die symptothermale Methode (Temperaturmessung und Schleimhautbeobachtung) kommt auf 1 bis 2. Der Wert für das Kondom, das im Zeitalter von HIV gleichzeitig vor Ansteckung schützt, liegt bei 3.

Pille danach

Gut 40% aller Frauen, rund vier Millionen Frauen in Deutschland täglich, setzen zur Verhütung auf die Pille, auf das Kondom allein circa 20%. Pille danach und Notfallverhütung mit normalen PillenIst es - aus welchen Gründen auch immer - zu einem ungeschützten Verkehr gekommen (Pille vergessen, das Kondom war nicht schnell genug zur Hand etc.) und soll eine Schwangerschaft verhindert werden, ist eventuell die "Pille danach" geeignet. Bis zu 72 Stunden später eingenommen, verhindert diese das Einnisten eines befruchteten Eis. Erreicht wird das durch eine besonders hohe Dosis des Progesterons. In Deutschland wenig bekannt und offiziell nicht zugelassen ist die in anderen Staaten gängige Praxis, diesen Effekt durch die gleichzeitige Einnahme mehrerer normaler Pillen zu erreichen. Der Wirkstoff ist ja in fast jeder Pille enthalten, freilich weniger hoch dosiert. So oder so sollte diese Methode der Verhütung die Ausnahme bleiben, allein schon wegen der Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Unwohlsein bis hin zu Erbrechen.

Gegenargumente und Nebenwirkungen

Von Frauen ist manchmal die Aussage zu hören: "Wir haben durch die Pille viel an Freiheit und Selbstbestimmung gewonnen, aber es gibt auch Nachteile: Für die Verhütung ist nur die Frau zuständig, und außerdem scheint sie immer verfügbar." Diese gesellschaftskritischen Einwände sollen  an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Aber wie steht es um medizinische Risiken und Nebenwirkungen?Verdächtigt wird die Pille, bei vielen solchen Zivilisationskrankheiten eine auslösende Rolle zu spielen, die bei Frauen in den letzten Jahren zugenommen haben. Zu nennen sind so unterschiedliche Krankheitsbilder wie Depressionen, Thrombosen und Herzinfarkt, Vaginal-Mykosen oder Brustkrebs. Gesichert sind nicht viele Zusammenhänge, doch scheint eine erhöhte Neigung zu Thrombosen und Herzinfarkt insbesondere bei rauchenden Frauen zu bestehen. Bei Pillen der dritten, heutigen Generation ist das Risiko im ersten Jahr der Anwendung am höchsten. Die Kritiker dieser Studien wenden aber ein, dass das Thromboserisiko dennoch niedriger ist als bei einer Schwangerschaft. Fakt ist aber auch, dass absolut gesehen erheblich mehr Frauen an einem Herzinfarkt sterben als an einem Brustkrebs, für das nach neuesten Studien, veröffentlicht im renommierten Fachblatt New England Journal of Medicine, kein besonderes Risiko besteht. Woran das letztlich liegt, ist weiterhin unklar. Klar ist aber, dass sehr viele Frauen nach der ersten Einnahme eine Gewichtszunahme von ca. drei Kilogramm bemerken. Wegen des Oestrogens werden bis zu drei Liter Wasser (und kein Fett!) ins Gewebe eingelagert; nach Absetzten der Pille wird es wieder ausgeschieden.

Wechselwirkungen

Manche Mittel gegen Epilepsie und bestimmte Antibiotika beeinträchtigen die Sicherheit hormoneller Verhütungsmittel wie die Pille, weil sie die Aufnahme der Wirkstoffe über die Schleimhaut des Darms behindern oder den Abbau des Hormons in der Leber beschleunigen.

Fazit

Die modernen Pillen haben einen geringen Hormonanteil, der bei genauer Einnahme und Beachtung der Wechsel- und Nebenwirkungen eine risikoarme und bequeme Verhütung gewährleistet. Die Zufriedenheit der vielen Millionen Anwenderinnen spricht für sich. Die Verschreibung der Pille ist als Folgerezept von der Praxisgebühr ausgenommen, zahlen muss sie aber frau (ab dem 18. Lebensjahr) selbst. Eventuell kommt die Versorgung über günstigere Versandapotheken in Frage.

(Dr. med. Dipl. Inf. Berthold Gehrke) © medizin.de 2004 (zuletzt aktualisiert 02/2009)