Antidepressiva: Wirksamkeit durch Vebrauch von Glukose messbar

Glukoseverwertung

Wer an Depressionen leidet hat oftmals bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Hoffnung machen seit einigen Jahrzehnten spezielle Medikamente, die sog. Antidepressiva. Diese Arzneimittel versprechen eine nachhaltige Besserung der Stimmung. Insbesondere die neuartigen Präparate – die Selektiven Serotoninwiederaufnahme-Hemmer (SSRI) – gelten als sehr wirksam und verhältnismäßig nebenwirkungsarm. Vielen depressiven Patienten konnte mit diesen Antidepressiva geholfen werden. Leider spricht eine bestimmte Gruppe von Depressiven aber überhaupt nicht auf die ansonsten sehr zuverlässigen Medikamente an. Ob ein Antidepressivum bei einem Patient wirkt oder nicht, konnte bisher nicht vorhergesagt werden. Kostbare Therapiezeit ging verloren. Eine neue Methode aus den USA lässt hoffen, dass Ärzte bald vor Beginn der Antidepressiva-Einnahme Aussagen über die Wirksamkeit beim jeweiligen Patienten treffen können.

Cerebrale Glukoseverwertung gibt Hinweis auf Wirksamkeit

US-Forscher der Emory University in Atlanta (Georgia) haben unlängst ein Verfahren entdeckt, mit dem möglicherweise im Vorfeld einer medikamentösen Therapie gegen Depressionen individuelle Rückschlüsse über die zu erwartende Wirkung des Antidepressivums gezogen werden können. Zu diesem Zweck wurden 82 depressive Patienten unter der Leitung der Wissenschaftlerin Helen Mayberg für eine Studie genau auf ihre Erkrankung hin untersucht. Im Anschluss daran injizierten die Forscher den Probanden radioaktiv markierte Glukose (Traubenzucker). Durch die Radioaktivität sichtbar gemacht, beobachten die Wissenschafter nun mit Hilfe einer Positronen-Emissions-Tomographie die Glukoseverwertung im Gehirn. Durch dieses bildgebende Verfahren konnten die Regionen des Gehirns sichtbar gemacht werden, in denen eine besonders hohe Stoffwechselaktivität stattfand und somit viel Glukose ins Hirngewebe aufgenommen wurde. Die Glukoseaufnahme korreliert dabei mit der Glukoseverwertung in dem jeweiligen Areal.

Insgesamt konnte in einer Reihe von kortikalen und auch limbischen Anteilen die Glukoseverwertung besonders eindrucksvoll gezeigt werden. Dabei gab es starke Unterschiede zwischen den 82 Patienten. Die für die notwendige Beurteilung am besten geeignete Hirnregion war die anteriore Insula. Dieser Teil des Gehirns ist eng mit dem limbischen System, dem Gefühlszentrum, verknüpft. Eine Unterfunktion der anterioren Insula wird ebenso mit der Entstehung einer Depression in Verbindung gebracht wie ein Mangel des Neurotransmitters Serotonin – im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet. Eine hohe Stoffwechselaktivität in der Insula zeigt sich im PET-Bild durch eine hohe Aufnahme von Glukose.

Die Patienten mit einem erhöhten Stoffwechsel in der Insula sind jene, bei denen eine gute Wirksamkeit der SSRI (wie beispielsweise Citalopram) zu erwarten ist. Hier ist eine medikamentöse Therapie möglicherweise der beste Weg zur Besserung der Depression. Die Patienten bei denen die Glukoseaufnahme in die anteriore Insula gering war, sprechen wahrscheinlich schlecht oder im Extremfall gar nicht auf Antidepressiva an. Hier wären alternative Therapien, allen voran eine Psycho- oder Verhaltenstherapie in Erwägung zu ziehen. Den besten Therapieerfolg erzielt ohnehin eine Kombination aus pharmakologischer und psychotherapeutischer Behandlung. Insofern sollten auch die für ein Medikament geeigneten Personen über eine begleitende Psychotherapie nachdenken.

Studienergebnisse noch nicht geeignet zur praktischen Anwendung

Die Ergebnisse aus Atlanta lassen sowohl Therapeuten als auch Patienten hoffen. Vielleicht lassen sich schon bald langwierige und erfolglose Versuche einer medikamentösen Therapie mit Antidepressiva vermeiden. Allerdings handelt es sich bei den vorliegenden Fakten um die Ergebnisse einer explorativen Studie. Diese enthält auch mitunter einige Zufallsbefunde. Auf jeden Fall ist aber zu erwarten, dass diese Studienresultate alsbald in einer prospektiven Studie erneut überprüft und gegebenenfalls bestätigt werden. Sollte dies der Fall sein, steht die Psychiatrie möglicherweise vor einem Wandel. Bisher konnten weder EEG noch irgendwelche Laborwerte eine auch nur annähernde Prognose über die Wirksamkeit eines Antidepressivums treffen. Diese Problematik könnte evtl. bald der Vergangenheit angehören.

Quellenangabe:

  • Veröffentlichung der Ergebnisse durch das National Institute of Mental Health (12.06.2013)
  • Pressemitteilung des Emory News Center (12.06.2013)
  • Studienabstract durch JAMA Psychiatry (12.06.2013)
  • Dt. Ärzteblatt (13.06.2013)
  • Neuroanatomie: Struktur und Funktion (Martin Trepel), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH
  • Kurzlehrbuch Physiologie (Jens Huppelsberg, Kerstin Walter), Thieme-Verlag

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)