Appetitlosigkeit (Anorexie): Ursachen

Appetitlosigkeit

Hunger gehört zu den überlebenswichtigen Signalen unseres Körpers. In einem Zusammenspiel aus Rezeptoren, Nervenbahnen und Botenstoffen wird minutiös überwacht, ob unser Stoffwechsel mit genügend „Treibstoff“, also Nährstoffen, Traubenzucker und Vitaminen, versorgt ist. Lange bevor wir in eine Mangelsituation abrutschen signalisiert uns das Gehirn, dass wir neue Nahrung zu uns nehmen müssen. Dies geschieht durch die Vermittlung von Appetit. So komplex dieses System ist, so störungsanfällig ist es auch. Es gibt unzählige Ansatzpunkte für Störungen und Entgleisungen. Möglich ist dabei eine Verschiebung in beide Richtungen: Wir können ebenso unter Appetitlosigkeit wie auch unter permanentem Heißhunger leiden. Dieser Artikel beschreibt die Ursachen eines ausbleibenden Hungers. Grob unterteilen lassen sich die Auslöser in psychische und körperliche Ursachen.

 

Psychische Ursachen einer Appetitlosigkeit im Überblick

  • Depressionen: Die krankhafte Niedergeschlagenheit ist eine sehr ernste, aber mittlerweile sehr gut zu behandelnde Erkrankung. Viele Depressive verlieren langfristig den Appetit, bei einigen ist er aber auch gesteigert.
  • Weitere psychiatrische Erkrankungen: Ob ADHS, Schizophrenie oder das Borderline-Syndrom – bei sämtlichen Krankheiten dieser Art spielt nicht nur die Seele, sondern auch der Appetit verrückt. Die Magersucht nimmt einen Sonderstatus ein. Hierbei wird der Appetit zwar konsequent unterdrückt, gleichwohl ist dieser aber vorhanden.
  • Stress: Ständiger Stress bringt den Stoffwechsel durcheinander, entsprechende Hormone wie Adrenalin und Kortisol werden massenhaft ausgeschüttet. Die meisten Betroffenen reagieren mit Appetitlosigkeit. Einige bekommen aber auch Heißhunger.
  • Partnerschaftsprobleme: Eine Liebesbeziehung nimmt einen enormen Stellenwert im Leben eines Menschen ein. Sie ist allgegenwärtig und kann Quelle für viel Lebenskraft sein. Gerät die Harmonie aus den Fugen, sieht man sein gewohntes Leben in Gefahr. An Essen denkt dann kaum einer.
  • Liebeskummer: Zerstörte oder nicht erwiderte Liebe kann das Leben zeitweise zur Qual machen. Nichts macht mehr Spaß, schon gar nicht die Nahrungsaufnahme.
  • Verliebtheit: Ist der Bauch voller Schmetterlinge, passt nichts mehr herein. Oder wissenschaftlich gesprochen: Die Verliebtheit ähnelt physiologisch einer Sucht. Die Hormone spielen verrückt, die Gedanken sind nur auf die eine Person gerichtet. Der Appetit bleibt vorübergehend auf der Strecke.
  • Sucht: Sie kann das Hungergefühl zeitweise oder langfristig unterdrücken. Einerseits beschäftigt sich das Gehirn ohnehin ausschließlich mit dem Suchtauslöser und denkt nicht mehr an den kommenden Grillabend. Andererseits hemmen einige Suchtstoffe – v. a. Alkohol – den Hunger auch auf molekularer Ebene. Wer stark betrunken ist, hat meistens kein Bedürfnis mehr nach Nahrungsaufnahme.

 

Körperliche Ursachen einer Appetitlosigkeit im Überblick

Erkrankungen im Verdauungssystem: Egal an welcher Stelle sie auftritt – Krankheiten führen hier meistens zu einer starken Einschränkung des Hungergefühls. Die Nahrung wird zwischen Mundhöhle und Enddarm auf vielfältige Art und Weise verarbeitet. Schon kleine Störungen können sich empfindlich auf das Essverhalten auswirken. Typische Erkrankungen bzw. Störungen sind:

  • Magenschleimhautentzündungen
  • Magen-Darm-Entzündungen
  • Blinddarmentzündungen
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn & Colitis ulcerosa)
  • Krebserkrankungen
  • Geschwüre
  • Lebensmittelvergiftungen
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Operative Entfernungen (z. B. Magenteilresektion)
  • Lebererkrankungen (Hepatitis, Leberzirrhose)
  • Bauchspeicheldrüsenentzündung

Infektionskrankheiten: Jede Form der Infektion, ob Grippe oder HIV, greift den Körper stark an. Obgleich sein Energiebedarf gerade dann gesteigert ist, fehlt es vielen Infizierten am Appetit. Insbesondere ein Parasiten- oder Keim-Befall des Magen-Darm-Traktes ist problematisch.

Hormonstörungen: Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), eine Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz oder Morbus Addison bewirken Appetitlosigkeit, ebenso wie eine Überfunktion der Nebenschilddrüse.

Weitere körperliche Auslöser einer Appetitlosigkeit sind:

  • Diabetes mellitus (Typ I und II)
  • Herzinsuffizienz
  • Krebs
  • Niereninsuffizienz
  • Demenz
  • Medikamente (v. a. Zytostatika und Antidepressiva)

Alte Menschen verweigern oft die Nahrung, da bei ihnen entsprechende Grunderkrankungen besonders verbreitet sind. Andererseits lassen Sinneseindrücke wie Geschmack, Durst, Hunger oder Sättigung im Alter oft nach. Im Extremfall sind Mangelerscheinungen die Folge und eine (zumindest ergänzende) künstliche Ernährung wird notwendig.

© medizin.de (2016) Gunnar Römer

 

Quellenangaben:

  • Ernährungsmedizin und Diätik (Heinrich Kaspar), Urban & Fischer
  • Klinische Gastroenterologie (Helmut Messmann), Thieme-Verlag
  • Ernährungsmedizin: Prävention und Therapie (P. Schauder & G. Ollenschläger), Urban & Fischer
  • Innere Medizin 2016 (G. Herold), Selbstverlag
  • Ernährungsmedizin (H.-K. Biesalki, S.-C. Bischoff, C. Puchstein), 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Thieme-Verlag

 

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Teil 1: Appetitlosigkeit (Anorexie): Überblick

Teil 2: Appetitlosigkeit (Anorexie): Ursachen

Teil 3: Appetitlosigkeit (Anorexie): Diagnose

Teil 4: Appetitlosigkeit (Anorexie): Therapie