Citalopram

Citalopram

Der allmorgendliche Weg ins Bad gleicht einer Weltreise, der Alltag wird zum unbezwingbaren Gegner. Bleischwer lastet die Schwermut auf den Schultern und jede Form der Hoffnung ist in weiter Ferne gerückt. Die Depression gehört zu den häufigsten und tödlichsten Erkrankungen in unserem Land. Zwischen 5 und 7 % aller Deutschen leiden unter einer behandlungsbedürftigen Form des seelischen Leidens. Das sind in Zahlen ausgedrückt knapp 6 Millionen Bundesbürger. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Ca. 12.000 Menschen begehen in der Bundesrepublik Deutschland – einem der reichsten Länder mit dem höchsten Lebensstandart – Jahr für Jahr Selbstmord. Dabei bedeutet eine vorübergehend gedrückte Stimmung freilich noch nicht sofort einen Absturz in die Krankheit. Bleiben die Symptome allerdings länger als 3 Wochen bestehen, sollte ein Arzt konsultiert werden. An diesem Punkt angelangt kann das Antidepressivum Citalopram verhältnismäßig schnell und schonend Abhilfe schaffen.

 

Wege aus der Traurigkeit – Psychopharmaka als Helfer in der Not

Es existiert eine ganze Reihe von Therapiemöglichkeiten bei Depressionen. Eine wichtige Säule hierbei ist die pharmakologische Therapie z. B. mit Citalopram. In einem langjährigen „Glaubenskrieg“ stritten Depressionsforscher über die Ursachen der Schwermut. Lange galt die Vorstellung als unmöglich, Depressionen könne schlicht ein Ungleichgewicht biochemischer Substanzen im Gehirn des Patienten zu Grunde liegen. Das seelische Leiden als organisch erfassbare Erkrankung wie ein Herzinfarkt – es brauchte lange, bis sich diese medizinische Tatsache durchsetzte. Freilich liefert die Chemie nicht alle Antworten auf die Frage nach der Herkunft der Depression. Aber es gilt als bewiesen, dass ein Mangel an bestimmten Neurotransmittern – wie chemische Botenstoffe an den Nerven genannt werden – verantwortlich für die psychiatrische Störung ist. Daher besteht die Möglichkeit, mit Citalopram in den aus dem Gleichgewicht geratenen Hirnstoffwechsel einzugreifen.

Die medikamentöse Behandlung mit Citalopram gehört mittlerweile zum festen Bestandteil einer antidepressiven Therapie – neben Modulen wie die Verhaltens- und Sporttherapie. Über 80 % der depressiven Patienten sprechen auf eine Therapie mit Antidepressiva wie Citalopram an. Als effektive Therapie gegen Depressionen hat sich die Kombination aus Citalopram und Psychotherapie erwiesen.

 

Citalopram – einer der modernen Vertreter

Antidepressiva existieren seit den 1950er Jahren. Die ersten Vertreter dieser Wirkstoffklasse waren sogenannte trizyklische Antidepressiva. Diese existieren bis heute, gelten gemeinhin aber als nebenwirkungsreicher als die Antidepressiva der neuen Generation – wie Citalopram. Die älteren Präparate wirken wenig spezifisch, sie greifen im Grunde genommen in mehrere Systeme ein. Dabei verändern sie durch Blockade der entsprechenden Rezeptoren den Haushalt der Signalstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Citalopram gehört zu der neuen Klasse der Antidepressiva – den Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Wie der Name dieser Wirkstoffklasse bereits verrät, wirkt Citalopram selektiv auf den Serotoninhaushalt. Diese hohe Spezifität ist es auch, die für das wesentlich günstigere Nebenwirkungsprofil von Citalopram und verwandten Arzneistoffen sorgt.

 

Das Motto lautet: Steigerung des Serotoningehaltes im Gehirn

Serotonin ist eine chemische Verbindung, die im menschlichen Körper an vollkommen unterschiedlichen Stellen zu finden ist: Im Gehirn als Botenstoff an Nervenendigungen, als Gewebshormon, frei zirkulierend im Blut und im Magen-Darm-Trakt. Für die Entstehung von Depressionen ist seine Funktion im Zentralnervensystem von Bedeutung. Serotonin sorgt für eine aufgehellte Stimmung, weswegen es im Volksmund mitunter als „Glückshormon“ bezeichnet wird. Weiterhin scheint ein ausreichend hoher Serotoninspiegel Ängste zu vermindern. Es gilt als sicher, dass bei vielen Formen der Depression eine zu geringe Konzentration an freiem Serotonin im Hirnwasser vorliegt und es folglich zu der niedergedrückten Stimmung kommt.

Nachdem der Botenstoff seine Wirkung an der Synapse entfaltet hat, wird er wieder in die vorangehende Nervenzelle aufgenommen und steht nicht mehr für eine Wirkung zur Verfügung. Genau hier greift das Citalopram ein: Es blockiert die Mechanismen, die das Serotonin wieder in das Innere der Zelle transportieren. Als Folge der Citalopram-Einnahme kommt es mit der Zeit zu einer Erhöhung des Spiegels an frei im Nervenwasser befindlichem Serotonin, welches für die genannten Effekte herangezogen werden kann. Einige Studien besagen, dass Citalopram auch die körpereigene Herstellung des „Glückshormons“ ankurbelt. Bei einer Vielzahl der depressiven Patienten vermindern sich somit durch die Einnahme von Citalopram die typischen Symptome einer Depression wie Angst, Traurigkeit und Antriebslosigkeit. Citalopram besitzt eine anregende Wirkung und macht weder müde noch süchtig.

 

Geduld: Eine wichtige Tugend bei der Therapie mit Citalopram

Auch wenn Citalopram zu den am häufigsten verschriebenen, wirkungsvollsten und nebenwirkungsärmsten Antidepressiva gehört – in einer Hinsicht gleicht es allen anderen Präparaten dieser Wirkstoffklasse: Bis der heiß ersehnte Effekt der Stimmungsaufhellung beginnt, vergehen mindestens 14 Tage. Bis die volle antidepressive Wirkung von Citalopram erreicht ist, können 6 – 8 Wochen ins Land ziehen. Bis dahin sind möglicherweise bereits Nebenwirkungen aufgetreten und Laie beendet verzweifelt und desillusioniert die Einnahme von Citalopram. Hier ist Geduld der Schlüssel zum Erfolg: In den ersten Tagen der Citalopram-Einnahme ist keine positive Wirkung zu erwarten und das ist vollkommen normal. Im Gegenteil: Bei manchen Depressiven verschlechtern sich zu Beginn der Citalopram-Therapie die Symptome, es kommt bisweilen zu Angst und Nervosität.

Besonders erwähnenswert ist eine im Anfangsstadium der Citalopram-Einnahme bestehende Gefahr: Viele Patienten, die an einer schweren Depression leiden, neigen zu suizidalen Gedanken. Oft ist es der fehlende Antrieb, der sie an solch einer Tat hindert. Citalopram steigert den Antrieb, bevor der antidepressive Effekt eintritt, was bei zu Suizidfantasien neigenden Personen die Gefahr eines Selbstmordes steigern könnte. Hier ist gegebenenfalls Vorsicht geboten! In jedem Fall sollte Citalopram lange genug eingenommen werden; auch wenn die Symptome der krankhaften Schwermut vergangen sind, empfiehlt es sich, das Arzneimittel noch mindestens ein halbes Jahr weiter einzunehmen. Lange genug eingenommen und in Kombination mit einer entsprechenden Psychotherapie ist die Chance einer Heilung sehr hoch.

 

 Wie und in welcher Dosierung wird Citalopram eingenommen?

Citalopram wird in Form von Filmtabletten eingenommen. Diese stehen in folgenden Dosierungen zur Verfügung:

  • 10 mg Citalopram
  • 20 mg Citalopram
  • 30 mg Citalopram
  • 40 mg Citalopram

Die übliche Tagesdosis Citalopram sind 20 mg; je nach Stärke der Symptomatik kann die Dosierung gesteigert werden. Die Höchstdosis Citalopram beträgt 60 mg pro Tag. Es empfiehlt sich bei Beginn der Citalopram-Einnahme zunächst einige Tage mit 10 mg zu verfahren und dann je nach Bedarf in Schritten á 10 mg zu steigern. Umgekehrt sollte beim Beenden der Citalopram-Therapie vorgegangen werden; ein langsames Ausschleichen des Citalopram ist unbedingt zu empfehlen. Aufgrund der erwähnten anregenden Wirkungsweise sollte Citalopram morgens eingenommen werden. Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten mit einem Schluck Wasser erfolgen.

 

Welche Nebenwirkungen verursacht Citalopram?

Verglichen mit den Wirkstoffen der ersten Generation ist Citalopram nebenwirkungsarm. Manche sprechen sogar vom „Antidepressivum mit dem wenigsten Nebenwirkungen“. Tatsächlich tolerieren die meisten Menschen Citalopram sehr gut. Dennoch muss auch bei Citalopram mit einigen Nebenwirkungen gerechnet werden. Viele davon können, müssen aber freilich nicht auftreten. Beinahe bei jedem Patienten kommt es innerhalb weniger Tage nach Beginn der Einnahme von Citalopram zu einer vorübergehenden Trockenheit der Mund- und Nasenschleimhaut. Durchfall wird ebenfalls bei Citalopram sehr oft beobachtet. Meistens vergehen diese Nebenwirkungen nach einiger Zeit wieder. Insgesamt erhöht sich die Nervosität, manche Leute beobachten ein leichtes Zittern. Nicht wenige Patienten berichten in Zusammenhang mit Citalopram über vermehrtes Schwitzen, sowie einen leichten Anstieg des Blutdruckes.

Wie bei allen Antidepressiva kann Citalopram sexuelle Funktionsstörungen hervorrufen: Fast immer kommt es unter Citalopram beim Mann zu einer verlängerten Dauer bis zum Eintritt des Samenergusses. Diese Wirkung von Citalopram wird nicht selten bei Männern, die unter einem vorzeitigen Samenerguss leiden, ausgenutzt. Die Libido kann ebenfalls – gerade bei hohen Dosen Citalopram – stark zurückgehen. Allerdings ist die Lust auf Sex im Rahmen einer starken Depression ohnehin meistens gleich null, sodass die Besserung der Symptome durchaus auch das sexuelle Interesse wieder erhöhen kann.

 

Weitere mögliche Nebenwirkungen von Citalopram:

  • Schlafstörungen
  • Aggressivität
  • Herzrasen
  • Erektionsstörungen
  • ausbleibender Orgasmus
  • Gewichtsveränderung
  • Juckreiz
  • Herzrhythmusstörungen
  • Tinnitus
  • Erhöhung der Leberwerte
  • Konzentrationsstörungen
  • Alpträume
  • vermehrte Suizidalität

 

Folgen einer Überdosierung: Das Serotonin-Syndrom

Wie erwähnt erhöht Citalopram im Gehirn den Gehalt an freiem, sofort wirksamem Serotonin. Ist das Citalopram zu hoch dosiert und steigt somit der Serotoninspiegel zu sehr an, ist das sog. Serotonin-Syndrom die Folge. Dieser mitunter lebensbedrohliche Zustand zeigt sich insbesondere durch folgende Symptomatik:

* starker Blutdruckanstieg

* Schweißausbrüche

* Durchfall

* Herzrasen

* Unruhe

* Halluzinationen

* Muskelzuckungen

* Zittern

* gesteigerte Reflexe

* Aggressivität

* Erbrechen

* erweiterte Pupillen

Es handelt sich um einen Notfall, der sofortiger ärztlicher Hilfe bedarf. Sehr selten kommt es tatsächlich alleine durch Citalopram zu dem Syndrom. Vielmehr werden oft verschiedene, dem Citalopram von der Wirkung her ähnliche Medikamente gemeinsam eingenommen. Das Motto „viel hilft viel“ bei Antidepressiva ist gefährlich und kontraproduktiv. Der Patient sollte sich strikt an die von seinem Therapeuten empfohlene Art der Dosierung halten. In diesem Fall steht mit dem Citalopram ein Medikament zur Verfügung, dass vielen, in der Schwermut gefangenen Menschen eine realistische Hoffnung auf ein besseres Leben geben kann. Eine Garantie auf Heilung gibt es freilich nie; aber die Chancen aus dem Tal der Traurigkeit zu entfliehen ist mit der Entwicklung des hier vorgestellten Arzneimittels extrem gestiegen.

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)