Harakiri mit Dai Dai

Schlankheitspillen aus China können töten

Was haben der Zoll, Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf und das Landesuntersuchungsamt Reinland-Pfalz gemeinsam? Alle warnen vor Dai Dai und Li Da. Was klingt wie eine asiatische Blumensorte sind jedoch gesundheitsschädliche Schlankheitspillen aus China.

Psychomittel statt Pflanze

Laut Hersteller soll das Produkt chinesische Pflanzen enthalten. Eine Analyse des Landesuntersuchungsamtes aus Koblenz hat jedoch ergeben, dass in den Dragees der Wirkstoff Sibutramin enthalten ist. Die Dosis ist doppelt so hoch wie bei zugelassenen Medikamenten in Deutschland. Li Da & Co sind als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als Arzneimittel deklariert. Die Produkte "Evolution Slim & Slender" der Firma New Life LiDa b.v. sowie "LiDa DaiDai Hua Jiao Nang" der Firma Kunming Dali Industry & Trade Co. Ltd. enthalten Sibutramin. Weitere Produkte mit gleichen Inhaltstoffen werden im Internet auch unter den Bezeichnungen "MIAOZI", und "DARLING TIAN RAN JIAN FEI" als Kapseln sowie "Li Da Lidameiticha Meizi Tea" als Tee angeboten.

Zoll findet über 1 Mio Kapseln

Das Zollfahndungsamt Frankfurt am Main ermittelt zurzeit in 60 Verfahren gegen zahlreiche Beschuldigte wegen der verbotenen Einfuhr von zulassungspflichtigen Arzneimitteln. Nachdem bereits in 2005 insgesamt circa 125.000 Kapseln sichergestellt wurden, verzeichnen die Frankfurter Ermittler im laufenden Jahr einen drastischen Anstieg: Im laufenden Jahr stellten sie bisher bereits mehr als eine Million eingeschmuggelte Kapseln sicher. Absatz und Handel mit den Präparaten erfolgen sowohl über das Internet als auch über netzwerkartig arbeitende Verteilerstrukturen im gesamten Bundesgebiet. Die illegalen Händler bestellen die Produkte in Asien und versuchen, diese vor allem auf dem Postweg - als Geschenksendung deklariert - nach Deutschland einzuschmuggeln. Zurzeit werden die gesundheitsgefährdenden Arzneimittel vor allem über den Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt versandt. Der Zoll beschlagnahmte in 2006 bereits über eine Million Kapseln - Bundesweite Ermittlungen dauern an.

Antidepressivum als Schlankmacher

Sibutramin ist eng mit modernen Antidepressiva verwandt. Es steigert im Körper den Gehalt der Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin. Die Folge ist neben

  • Glücksgefühlen eine
  • Anregung des Stoffwechsels im Fettgewebe und eine
  • Abnahme des Hungergefühls.

Außerdem

  • steigt der Energieverbrauch an.

In Studien über 24 Wochen nahmen Patienten durch Sibutramin etwa drei bis fünf Kilogramm mehr ab als durch Placebo. Die erzielbare Abnahme lag zwischen fünf und zehn Prozent des Körpergewichts. Grundsätzlich sollte mit Sibutramin erst dann therapiert werden, wenn andere Maßnahmen nicht erfolgreich waren, das heißt, das Gewicht des Patienten in drei Monaten nicht um mehr als 5 kg senken konnten. Zur unterstützenden Therapie bei Patienten mit ernährungsbedingtem Übergewicht und einem Body Mass Index (BMI) von mehr als 30 kg/m2. Mehr als 35 Todesfälle sind weltweit bereits bekannt, die mit Sibutramin in Verbindung stehen. Grund dafür sind die teils heftigen Nebenwirkungen des Wirkstoffes. Er kann zu deutlich erhöhtem Blutdruck und erhöhter Herzfrequenz bzw. Herzrasen führen. Weitere bekannte Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Mundtrockenheit und Verstopfung. Manche Patienten klagen auch über Gedächtnisstörungen, Schlaflosigkeit, Sprach- bzw. Sehstörungen und Migräneattacken. Der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft liegen insgesamt 103 Berichte zu Sibutramin vor, darunter vier Herzinfarkte. Dreimal wird Kammerflimmern genannt.

Als Nebenwirkungen von Sibutramin können auftreten:

  • Angstgefühl
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Erbrechen
  • Bluthochdruck
  • Empfindungsstörungen mit Brennen oder Taubheitsgefühlen in manchen Körperteilen
  • Herzrhythmusstörung mit erhöhtem Puls
  • Kopfschmerzen
  • Mundtrockenheit und Beeinträchtigungen des Geschmacksinns
  • Schlaflosigkeit
  • Schwindel
  • Übelkeit

"Wegen der negativen Nutzen-Schaden-Bilanz raten wir seit Markteinführung des Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers von dessen Verordnung ab, die Marktrücknahme wäre die richtige und logische Konsequenz" warnte bereits im September 1998 die Fachzeitschrift ARZNEITELEGRAMM. Besonders gefährlich ist die Einnahme von Sibutramin bei hohem Blutdruck oder Magersucht. Zu lebensfährlichen Wechselwirkungen kann es mit Schlankheitsmitteln und bestimmten Antidepressiva (MAO-Hemmer) kommen. Bei einer Auktion bei ebay.pl wird noch am 17. August 2006 vollmundig versprochen: "Zur Traumfigur ohne zu hungern - 2 bis 7 kg monatlich möglich. Hier bieten Sie auf 1 Packung Lida Daidaihua 100% Original (direkt vom Hersteller). LIDA Kapseln verringern Fettablagerungen und wandeln Fett in Energie um. Ebenso wird das Hungergefühl sehr stark reduziert, und Heißhungerattacken gehören der Vergangenheit an." Am 16. August 2006 konnten die chinesischen Schlankheitspillen noch auf der polnischen Plattform von E-Bay bestellt werden, in Deutschland wurde der Artikel gesperrt, aber das Internet ist ja grenzenlos ? die Gefahren auch. (Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie, Redaktion medizin.de)

© medizin.de 2006 (zuletzt aktualisiert 02/2009)