Duloxetin: Ein Antidepressivum hilft im Kampf gegen Neuropathie nach Chemotherapie

Neuropathie

Nicht nur gegen Depressionen ist Duloxetin ein wirksamer Helfer. Das Antidepressivum aus der Gruppe der Selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wird bereits seit einigen Jahren offiziell gegen die diabetische Neuropathie eingesetzt. Eine kürzlich durchgeführte und vom US-amerikanischen National Cancer Institute finanzierte Studie weißt auf eine schmerzlindernde Wirkung des Medikamentes bei einer durch Chemotherapie ausgelösten Neuropathie hin. Insbesondere im Anschluss an eine schwerpunktmäßig mit Taxan durchgeführte Chemotherapie fielen die Schmerzen der Neuropathie wesentlich geringer aus, als ohne Präparat oder mit Placebo.

Seit Dezember 2004 ist das Antidepressivum Duloxetin in der Europäischen Union als Wirkstoff gegen Episoden einer Major-Depression, sowie gegen Angststörungen zugelassen. Die offizielle Zulassung von Duloxetin für die pharmakologische Therapie der diabetischen Neuropathie wurde kurz später im Jahr 2005 durch die Europäische Union erteilt. Grundlage hierfür waren zahlreiche Studienergebnisse, in denen eine positive Wirkung von Duloxetin auf den Verlauf der diabetischen Neuropathie nachgewiesen werden konnte.


Chemotherapie schädigt Nervensystem

Die meisten Zytostatika wirken zwar v. a. zerstörend auf sich schnell teilende Zellarten, dennoch werden auch andere Gewebe angegriffen. Insbesondere das sehr empfindliche System aus peripheren Nerven leidet start unter einer Chemotherapie. Zytostatika aus der Gruppe der Platin-Abkömmlinge, Vinca-Alkaloide oder Taxane führen im Anschluss an die Chemotherapie bei rund der Hälfte aller Patienten zu einer äußerst schmerzvollen Neuropathie. Diese Neuropathie heilt oft sehr schlecht oder gar nicht ab. Dies liegt nicht zuletzt an dem häufig ohnehin schon schlechten körperlichen Allgemeinzustand des Patienten. Außerdem muss eine Chemotherapie häufig regelmäßig wiederholt werden, was eine Heilung der Neuropathie noch schwieriger macht. Therapiemöglichkeiten gegen diese Form der Neuropathie waren bisher Fehlanzeige.


Studien verliefen erfolgversprechend

Auf Basis der Erfahrungswerte hinsichtlich der Wirkung von Duloxetin bei der diabetischen Neuropathie führte die Wissenschaftlerin Ellen Lavoie Smith von der University of Michigan School of Nursing in Ann Arbor eine randomisierte Studie zum Thema Wirksamkeit von Duloxetin gegen die Neuropathie als Folge einer Chemotherapie durch. Insgesamt 231 Probanden nahmen an der durch das US-National Cancer Institute gesponserten Studie teil. Das Mindestalter der Testpersonen wurde auf 25 Jahre festgelegt. Alle Teilnehmer hatten nach einer Chemotherapie eine Neuropathie entwickelt. Als Zytostatika kamen Platin-Abkömmlinge (insbesondere Cisplatin und Oxaliplatin) und Taxane (insbesondere Paclitaxel  und Docetaxel) zum Einsatz. Die daraus entstandene Neuropathie vom 1. Grad manifestierte sich im peripheren Nervensystem der Patienten. Auf der numerischen Rating-Skala zur Einschätzung der Schmerzintensität (Referenzbereich 0 – 10) gaben die Probanden Werte von 4 – 10 an.

Die Studienteilnehmer wurden im ersten Teil der Untersuchung in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt 5 Wochen lang ein Placebo, während die anderen Patienten Duloxetin verabreicht bekamen. Dabei wurde in Woche 1 mit einer Tagesdosis Duloxetin von 20 mg/d begonnen. In der zweiten Woche wurde die Dosis auf die übliche Einnahmemenge von 30 mg pro Tag erhöht. Praktisch wurde dabei folgendermaßen vorgegangen: In einen Arm wurde für 5 Wochen lang ein Placebo-Medikament injiziert, in den anderen Arm Duloxetin.

Hoffnung für Neuropathie-Patienten

11 % der Patienten brachen die Therapie wegen Nebenwirkungen in dem Arm ab, der mit Duloxetin behandelt wurde. Erstaunlicherweise klagte auch 1 % der Probanden über starke Nebenwirkungen im mit dem Placebo behandelten Arm.
Aber auch eine schmerzlindernde Wirkung konnte bei der bisher meistens therapieresistenten Form der Neuropathie beobachtet werden. Im Durchschnitt linderte die Duloxetin-Therapie die Schmerzen im entsprechenden Arm um 1,06 Punkte auf der Schmerzskala. Dies erreicht zwar nicht das Niveau einer signifikanten Verbesserung, ist aber im Vergleich zu den bisherigen Therapiemöglichkeiten durchaus nennenswert und hoffnungsvoll für Neuropathie-Patienten. Auch der mit einem Placebo behandelte Arm zeigte – wie häufig bei Placebo-Behandlungen – eine leichte Verbesserung. Im Durchschnitt sank die Schmerzintensität um 0,34 Punkte. Auffallend ist ein recht geringer, eine Signifikanz nicht erreichender Unterschied im Therapieerfolg zwischen Duloxetin und dem Placebo.

Zusammenfassend bewerten Wissenschaftler und Ärzte den Therapieansatz bzw. die Studie dennoch als Erfolg. 59 % der Studienteilnehmer beobachteten eine Besserung ihrer Symptomatik durch den Einsatz des Antidepressivums Duloxetin. 30 % spürten keine Veränderung und bei rund 10 % der Probanden verschlechterte sich die Symptomatik. Insgesamt schien Duloxetin bei einer durch Taxane ausgelösten Neuropathie etwas besser zu wirken, als bei den Platinanaloga. Andere, neurotoxisch wirkenden Zytostatika wurden in der Studie nicht getestet.

Quellenangabe:

  • Dt. Ärzteblatt
  • Lehrbuch Neurologie (Matthias Sitzer & Helmuth Steinmetz, Elsevier-Verlag)
  • Das Blaue Buch: Chemotherapie-Manual Hämatologie & Onkologie (Springer-Verlag)
  • Pharmakologie und Toxikologie (Heinz Lüllmann, Klaus Mohr, Lutz Hein, Thieme-Verlag)

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)