Fahrtüchtigkeit: Beeinträchtigung durch Medikamente

Arzneimittel-Nebenwirkungen hinterm Steuer

Mit Pillen aus der Spur. Fahruntüchtig nach Arzneimittel-Einnahme.
Dass der Genuss von Alkohol das Reaktionsvermögen und somit auch die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen kann, ist sicherlich Jedem bewußt. Gesetzliche Bestimmungen setzen klare Grenzen. Die Senkung auf 0,5 Promille sollte dazu beitragen, die Zahl der Unfälle unter Alkoholeinfluss zu senken. Dass auch Arzneimittel dazu führen können, dass der Konsument absolut fahruntüchtig wird, wird häufig unterschätzt.

Blau vom Betablocker

Eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (bast) hat ergeben, dass 15 bis 20% aller Arzneimittel das Reaktionsvermögen beeinträchtigen können. Bedenkt man, dass in Deutschland mehr als 1,5 Millionen Menschen arzneimittelabhängig sind, wird deutlich, dass dieses Problem in der Bevölkerung und möglicherweise auch unter Ärzten unterschätzt wird.
Jeder fünfte aller Unfälle wird unter dem Einfluss von Medikamenten verursacht, wobei die Benzodiazepine in mehr als 4% eine wichtige Rolle spielen. Dabei handelt es sich um Schlaf- und Beruhigungsmittel mit den Wirkstoffen Diazepam (Valium ®), Midazolam (Dormicum ®), Flunitrazepam (Rohypnol ®) u.a.
Diese Mittel werden nicht nur bei Schlafstörungen, sondern auch bei Angstzuständen, Epilepsie und bei Muskelverspannungen eingesetzt. Besonders gefährlich sind diese Mittel auch deshalb, weil sie eine sehr lange Wirkdauer haben. Einige sind erst nach mehr als 70 Stunden zur Hälfte abgebaut. Darüber hinaus können sogar bei mehr als 15% der im Straßenverkehr auffällig gewordenen Autofahrer Benzodiazepine nachgewiesen werden. Eine erschreckende Statistik der bast, denn schließlich ist jeder von uns diesen Gefahren ausgesetzt.

Hinzu kommen die vielen Verkehrsteilnehmer, die vorsätzlich unter dem Einfluß von Rauschdrogen am Straßenverkehr teilnehmen. Statistisch betrachtet ist bei 37% der Unfälle Alkohol im Spiel, bei 42 bzw. 47% besteht Verdacht auf die Einnahme von Opiaten oder Cannabis.

Jeder Verkehrsteilnehmer, der Arzneimittel einnimmt, sollte seinen Arzt oder Apotheker fragen, ob die Mittel das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Dies gilt insbesondere bei der Erstverordnung oder bei diagnostisch-therapeutischen Eingriffen.

Berauscht vom Schwindelmittel

Die Mechanismen, die zu einer Beeinträchtigung bis hin zum Verlust der Wahrnehmung führen, können optischer, akustischer, motorischer oder psychischer Art sein. Es kommt beispielsweise zu Doppelwahrnehmungen, Verzerrungsphänomenen, Blendwirkungen, Störungen beim Scharfstellen der Pupillen, Koordinationsstörungen und Drehschwindel sowie zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls und der Reaktionszeit. Weiterhin werden die Kritikfähigkeit und die Auffassungsbreite herabgesetzt.Das Ausmaß dieser Beeinflussungen hängt jedoch nicht nur von der Dosierung ab. Besonders beim alten Patienten ist an eine stärkere (Neben-)Wirkung und an paradoxe Reaktionen zu denken. Unter paradoxen Reaktionen versteht man, dass das Arzneimittel die entgegen gesetzte Wirkung entfaltet - dass heisst. ein Schlafmittel putscht den Patienten extrem auf.
Ebenso sind Begleiterkrankungen sowie psychische Belastungen und Arzneimittelinteraktionen potenzierende Faktoren. Der Arzt ist aber nicht immer der Schuldige. Vielfach nehmen Patienten Arzneimittel zusätzlich im Rahmen der Selbstmedikation ein. Ein Benzodiazepin mit einem Mittel gegen Schwindel kombiniert kann die Autofahrt zum Horrortrip machen. Dies gilt auch für Arzneimittel, die extreme Mengen an Alkohol enthalten.

Besonders folgende Arzneimittelgruppen können das Reaktionsvermögen so beeinträchtigen, dass ein verantwortungsvolles Lenken eines Kraftfahrzeuges ausgeschlossen ist:

  • Hynotika (Schlafmittel)
  • Sedativa (Beruhigungsmittel)
  • Psychopharmaka
  • Mittel gegen Erkältungskrankheiten
  • Antihistaminika (Mittel gegen Heuschnupfen und Allergie)

Die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigende Arzneimittel

Arzneistoffe (Auswahl)-> Nebenwirkungen Fahrtauglichkeit Analgetika   Opioide Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Atemdepression, Entzugssymptom nein (ggf. nach der 1. Woche)  Paracetamolgering erregendja ASS (>2-4 g/Tag)zentral erregend (Schwindel, Erbrechen)ja ASS + Coffeinevtl. abrupt einsetzende Müdigkeit bei Wirkungsende ja Alkohol/PsychopharmakaSedierungnein Antidiabetika, orale   Insulin Unterzuckerung, (Achtung! Wechselwirkungen mit z.B: Schmerzmitteln (ASS) , ß-Blocker , Alkohol u.a. dto. jaI: nein (für 3 Monate) - II: ja Antiepeleptika, Valproinsäure    Carbamazepin, Phenytoin zentrale DämpfungNach 3 jähriger anfallsfreier Zeit kann Fahrerlaubnis erteilt werden Antihistaminika   AstemizolErregungszuständeI: nein - II: ja Chlorphenamin/Clemastin leichte Müdigkeitja Antihypertonika   ACE/ Angiotensin-1-Antag.Hypotone Reaktionenbis 100 mm Hg diast.: ja, Berufsfahrer: nein ß-BlockerAchtung! Wechselwirkungen mit Alkohol, Verapamil, Antidiabetikaja ClonidinMüdigkeit jaI: nein Lokalanästhetika   Lokalanästhetika Müdigkeitfür 14 h: nein Muskelrelaxantien    Tetrazepam, Pridinol, Tolperisongeringe Müdigkeitja Baclofen, TizamidinMüdigkeit, Muskelschwächenein Narkotika   Narkotika, kurzwirksame  für 24 h: nein Augenmittel   Mydriatika (Pupille groß)Sehstörungen, Blendempfindlichkeitnein, für Dauer der Mydriasis Miotika (Pupille klein)Nachtblindheit ja (am Tage); nein (Dämmerung) Psychopharmaka   Hypnotika/Sedativa BenzodiazepineHang over (Müdigkeit am nächsten Morgen) abhängig vom Zeitpunkt der abendlichen Einnahme und der Wirkdauer. Bei mittlerer bis längerer HWZ erhöhte Unfallgefahrfrühe Einnahme am Abend + 8 - 10 Std. Schlafdauer + kurze Wirkdauer: jadto Doxylamin/DiphenhydraminTranquillantienMüdigkeit, , Abnahme von Aufmerksamkeit und ReaktionszeitI: nein - II: ja - III: nein NeuroleptikaMüdigkeit, Störungen im BewegungsablaufI: nein - II: jaLegende: I: Initialphase   -   II: Gewöhnungsphase   -   III: Entwöhnungsphase Epileptiker als Autofahrer?

Manche Arzneimittel ermöglichen jedoch auch erst eine Fahrtüchtigkeit, beispielsweise bei Epilepsie, Diabetes, Hypertonie und psychischen Erkrankungen.

(Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie, zuletzt aktualisiert 02/2009)

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