Fluoxetin: Hebt Stimmung und Penis

Fluoxetin

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an dieser krankhaften Schwermut, für die es scheinbar zunächst keine Erklärung gibt. Familie, ein sicherer Job, genügend Geld – eigentlich könnte das Leben in vollen Zügen genossen werden. Doch gerade dieses Gefühl der Leichtigkeit, der Zuversicht und des Optimismus scheint verloren. Die Volkskrankheit Depression ist keine vorübergehende schlechte Laune. Sie ist genau das, was der Name Volkskrankheit schon verrät – eine gefährliche und absolut ernst zu nehmende Erkrankung. 350 Millionen Menschen leiden weltweit an einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Depression. Schätzungen des Bundesministerium für Gesundheit gehen davon aus, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 die weltweit zweithäufigste Volkskrankheit sein werden – direkt nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auch wenn Depressionen zu den schwersten Erkrankungen überhaupt zählen, so gibt es doch wenige Krankheiten, die so gut und effektiv behandelt werden können. Grundpfeiler der Therapie ist die Gabe von speziellen Medikamenten, sog. Antidepressiva. Einer der bekanntesten Vertreter ist hier das Fluoxetin. Von den USA aus startete die stimmungsaufhellende Substanz ihren Siegeszug durch die Welt – heute zählt sie auch in Deutschland zu den am häufigsten verordneten Wirkstoffen gegen die Depression. Aber nicht nur einer traurigen Seele hilft die Tablette wieder aus dem Dunkel – sie vermag auch eines der häufigsten sexuellen Probleme zu beheben.


Fluoxetin: Eines der ersten modernen Antidepressiva

Während die Psychiatrie bereits seit den 1950er Jahren auf die sog. „alten“ trizyklischen Antidepressiva zurückgriff, bedeutete die Zulassung von Fluoxetin im Jahr 1987 eine Revolution in der medikamentösen Therapie der Depression. Die Antidepressiva der 1. Generation zeigten zwar bereits mitunter beeindruckende Erfolge, sie wirkten aber sehr unspezifisch und brachten folglich auch eine ganze Reihe von Nebenwirkungen mit sich. Mit einer Gewichtszunahme musste bei langfristiger Einnahme häufig gerechnet werden. Die Antidperessiva der 2. Generation schließlich zeigten eine hochspezifische Wirkung auf den Serotoninhaushalt, dessen Entgleisung bereits seit Jahrzehnten als Auslöser einer Depression vermutet wird. Diese neue Wirkstoffgruppe, zu der auch Fluoxetin gehört, wird als Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bezeichnet. Von dem Hersteller wurde Fluoxetin als der erste Wirkstoff aus der Gruppe der SSRI angepriesen. Diese Behauptung wurde später revidiert, da bereits früher ein vergleichbarer Wirkstoff mit dem Namen Zimelidin auf dem Markt war. Sicher ist aber, dass Fluoxetin der erste SSRI war, der es zu weltweiter Bekanntheit brachte und bis heute fest im Medikamentenplan vieler Depressions-Patienten zu finden ist. Übrigens war Fluoxetin eines der ersten „Blockbuster-Drugs“. So werden Präparate bezeichnet, die ihrem Hersteller einen Jahresumsatz von mindestens einer Milliarde US-Dollar  bescheren.


Serotoninspiegel im Gehirn wird gesteigert

Serotonin ist eine körpereigene Substanz, die u. a. als Botenstoff im Gehirn fungiert. Auch im Magen-Darm-Trakt und im Blut findet sich diese Substanz, die wegen ihrer stimmungsaufhellenden Wirkung auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird. Die Entstehung einer Depression wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Zahlreiche Wissenschaftler konnten sich lange Zeit nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass eine Depression  - eine Erkrankung der Seele – durch biochemische Veränderungen im Organismus entstehen kann. Und doch scheint dies zumindest ein wichtiger Entstehungsgrund zu sein. Denn: Medikamente, die den Serotoninspiegel aktiv erhöhen, wirken sich nachweislich bei über 80 % der Patienten positiv auf die Grundstimmung aus. Serotonin hilft im Gehirn bei der Übertragung von bioelektrischen Impulsen, die von einer auf die nächste Nervenzelle übertragen werden. Liegt zu wenig von diesem natürlichen Stimmungsaufheller vor, funktionieren diese Signalübertragungen nicht effektiv. Die Folge ist eine nachhaltig gedrückte Stimmung, die im Extremfall bis zum Suizid führen kann.

Um die Wirkung von Fluoxetin zu verstehen, muss man die Vorgänge an einer chemischen Synapse im Gehirn kennen. Gelangt ein Nervenimpuls an eine Synapse, löst dies einen Ausstrom an Serotonin aus. Dieses bewegt sich durch den Raum zwischen zwei Nervenzellen (synaptischer Spalt) und bindet an die nachgeschaltete Zelle. Hierdurch strömen geladene Teilchen in die zweite Nervenzelle und der elektrische Impuls wird weitergegeben. Nach dieser Transaktion löst sich das Serotonin wieder von der sog. postsynaptischen Membran, verbindet sich mit einem speziellen Transportmolekül und gelangt über Kanäle zurück in die erste Nervenzelle, aus der es gekommen ist.

Wirksam ist Serotonin nur dann, wenn es außerhalb von Zellen frei im Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) enthalten ist. Liegt also ein zu geringer Serotoninspiegel im Gehirn vor, kann durch o. g. Rücktransport in die Zelle ein Mangel des Botenstoffs entstehen. Fluoxetin blockiert genau diese Aufnahme in die Zelle. Als Folge bleibt das Serotonin länger in der Synapse wirksam und die Signalweiterleitung wird optimiert. Auch reichert sich auf diese Weise mit der Zeit immer mehr Serotonin an, der Gehalt an verfügbaren „Glückshormon“ steigt. Uneinigkeit besteht darüber, wie sich eine langfristige Einnahme auf die körpereigene Serotonin-Produktion auswirkt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass der Organismus die Syntheseleistung herunterfährt, andere wiederum gehen davon aus, dass SSRI die Produktion ankurbeln

 

Wofür wird Fluoxetin angewendet?

Als typisches Antidepressivum der neueren Generation ist das Haupteinsatzgebiet von Fluoxetin eine Depression. Insbesondere bei Episoden einer Major-Depression bringt es bei acht von zehn Patienten eine deutliche Besserung der psychischen Verfassung. Erfolgreich eingesetzt wird Fluoxetin auch gegen Zwangserkrankungen und Bulimie. Aber auch außerhalb der Psychiatrie kann der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer helfen: Fluoxetin verlängert effektiv eine zu frühe Ejakulation. Während eine antidepressive Wirkung nur durch monatelange, regelmäßige Einnahme eintritt, tritt der den männlichen Orgasmus verzögernde Effekt bereits nach einer einzigen Tablette ein. Wer also das Präparat nur gegen einen vorzeitigen Samenerguss verwenden will, braucht die Tablette lediglich einige Stunden vor dem Geschlechtsverkehr einnehmen. Für alle anderen Patienten ist Geduld das Gebot der Stunde. Wie für viele Psychopharmaka typisch, tritt der antidepressive Effekt von Fluoxetin erst nach frühestens 14 Tagen ein. Die volle Wirksamkeit wird nicht selten erst nach drei Monaten erreicht. Problematisch kann hierbei sein, dass der antriebssteigernde Effekt vor der Stimmungsbesserung eintritt. Dies kann im Einzelfall mitunter eine erhöhte Suizidgefahr mit sich bringen.


Die Einnahme von Fluoxetin

Im Gegensatz zu den alten Antidepressiva wirken SSRI wie Fluoxetin antriebssteigernd und machen nicht müde. Aus diesem Grund ist eine morgendliche Einnahme mit einem Schluck Wasser empfehlenswert. Grundsätzlich kann der meist in Tablettenform zu verabreichende Wirkstoff unabhängig von den Mahlzeiten und damit auch nüchtern eingenommen werden. Sollte eine höhere Dosis auf einmal nicht vertragen werden, können auch mehrere Einnahmen über den Tag verteilt erfolgen. Die Aufnahme von Fluoxetin erfolgt über das Darmepithel. Etwa sechs Stunden nach der Einnahme wird die maximale Wirkstoffkonzentration erreicht. Der Abbau findet in der Leber statt, wobei Fluoxetin mit zwei bis vier Tagen eine relativ lange Halbwertszeit besitzt. Fluoxetin verbessert die Stimmung nur, wenn auch eine Depression o. ä. vorliegt. Die Einnahme bei einem Gesunden hat keinerlei Effekt.


Wie ist Fluoxetin dosiert?

Als Tabletten oder Filmtabletten: 10/20/40 mg

Als Kapseln oder Hartkapseln: 10/20 mg

Als Lösung: 4 mg Fluoxetin in 1 ml Lösung

Die jeweils passende Dosis legt der behandelnde Arzt fest.

 

Welche Nebenwirkungen hat Fluoxetin?

Als modernes Präparat ist Fluoxetin recht gut verträglich. Dennoch gibt es einige ganz typische Nebenwirkungen, die auch bei anderen SSRI auftreten. Fast immer kommt es in den ersten Wochen nach Einnahmebeginn zu einer auffallenden Mundtrockenheit. Auch die Nasenschleimhäute können etwas austrocknen. Ebenfalls sehr häufig klagen Patienten unter Durchfall. Bereits erwähnt wurde die den Samenerguss verzögernde Wirkung von Fluoxetin. Was die Einen als segensreich empfinden, kann für Andere wiederum sehr störend sein. Während viele Nebenwirkungen nach einigen Wochen verschwinden, bleibt letztgenannter Effekt zumeist bestehen, solange das Medikament eingenommen wird. Regelmäßig beobachtet wurde außerdem eine Verminderung des sexuellen Verlangens (Libido). Umgekehrt kann aber die durch Fluoxetin verbesserte Grundstimmung auch erst wieder dazu führen, dass der Patient Lust auf Sex verspürt. Übrigens kommt es bei SSRI nur sehr selten zu einer Gewichtszunahme. Im Gegenteil: Viele Menschen verlieren unter dem Einfluss von Fluoxetin Gewicht.

Weitere Nebenwirkungen von Fluoxetin können sein:

  • Starkes Schwitzen (Hyperhidrose)
  • Nervosität
  • Schlafstörungen
  • Schwindel
  • Hitzewallungen
  • Brustschmerzen
  • Blutdruckanstieg
  • Sehstörungen
  • EKG-Veränderungen (Verlängerung des QT-Intervalls)
  • Serotonin-Syndrom
  • Leberfunktionstörungen
  • Hautausschlag
  • Juckreiz
  • Herzrasen
  • Suizidgedanken
  • Wahnsinn


Vorsicht bei weiteren Medikamenten

  • Fluoxetin verursacht in den meisten Fällen weder schwere Nebenwirkungen, noch macht es süchtig. Zu beachten ist jedoch, dass die gleichzeitige Einnahme von ebenfalls auf das Gehirn wirkenden Medikamenten zu schweren gesundheitlichen Problemen führen kann. Insbesondere ein weiterer SSRI oder ein MAO-Hemmer können den Serotoninspiegel derart in die Höhe treiben, dass es zum gefürchteten Serotonin-Syndrom kommt. Dabei handelt es sich um einen Notfall, der u. a. durch starkes Herzrasen, Aggressivität, Halluzinationen und Muskelzuckungen gekennzeichnet ist.
  • Einige andere Arzneimittel werden in der Leber von den gleichen Enzymen abgebaut, wie Fluoxetin. Dies kann zu einer gegenseitigen Beeinflussung der Wirkung und somit zu starken Wechselwirkungen führen. Grundsätzlich problematisch sind hier Beruhungsmittel (z. B. Diazepam), Betablocker und Medikamente gegen Epilepsie. Hier sollte vor Einnahmebeginn unbedingt Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden.
  • Gleichzeitig eingenommene Gerinnungshemmer können das Blutungsrisiko erhöhen, da sie durch die gleichzeitige Anwesenheit von Fluoxetin langsamer von der Leber verstoffwechselt werden.
  • Kinder, Schwangere und Stillende sollten kein Fluoxetin einnehmen, da hierüber noch nicht ausreichend Studienmaterial existiert. Während der Einnahme von Fluoxetin sollte kein Alkohol zu sich genommen werden.


Fluoxetin: Es kann das Leben wieder hell werden lassen

Es ist nur eine Tablette, aber sie kann den depressiven Menschen ihre Freude am Leben zurückgeben. Wichtig ist dabei, zunächst die richtige Dosierung zu finden oder – falls Fluoxetin nicht wirkt – auf ein anderes Präparat umzusteigen. Ansonsten gilt: Wenn die depressiven Symptome verschwunden sind, sollte das Medikament noch mindestens 6 Monate in gleicher Dosierung weiter genommen werden, um ein Rezidiv unwahrscheinlicher zu machen. Das Medikament alleine macht noch nicht die perfekte Therapie. Als ideal hat sich die Kombination aus medikamentöser Therapie, Psychotherapie und Sport herausgestellt. Schwer depressive Patienten haben oft Probleme, über ihr ganzes Heer an negativen Gedanken zu sprechen. Hier kann es das Medikament sein, das die Betroffenen erst wieder in die Lage versetzt, offen über ihre Depression zu sprechen. Das alleine macht es schon wertvoll.

© medizin.de 2014 (Gunnar Römer)

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