Grippe ante portas![]() "Berlin ist auf den weltweiten Ausbruch eines aggressiven Grippe-Erregers vorbereitet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis zum Ausbruch einer solchen Pandemie", dies ist keine Passage aus einem fiktiven Katastrophenfilm sondern Realität. Gesagt hat dies der Leiter des Referats für Infektionsschutz in der Senatsgesundheitsverwaltung, Stefan Poloczek, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Grippe steht vor der Tür, schützen Sie sich!! Anzeige
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Tarnen, täuschen, töten: Influenzaviren Bei der jährlichen Grippewelle sind nach einer neuen Schätzung des Robert Koch-Instituts im Durchschnitt bis zu 15.000 influenzabedingte Todesfälle zu beklagen. Statistisch heißt das, dass jede Stunde in Deutschland fast zwei Menschen an Grippe sterben. Diese Zahl übersteigt die Zahl der Verkehrstoten um mehr als das Doppelte. Damit ist die Influenza, neben der Pneumokokken-Infektion, die häufigste durch Impfung vermeidbare Todesursache in Deutschland. Mit zunehmendem Alter nimmt die Sterblichkeit durch Influenza-assoziierte Komplikationen drastisch zu. Influenzaviren sind wahre Verwandlungskünstler. Es gelingt ihnen immer wieder durch eine kontinuierliche Veränderung ihrer Oberflächenproteine, das Immunsystem auszutricksen. Um erfolgreich gegen die Influenza vorgehen zu können, arbeiten das globale Netzwerk der WHO und Nationale Referenzzentren (NRZ) eng zusammen. Im Vordergrund steht hierbei, die zirkulierenden Viren zu charakterisieren und neue Varianten sehr schnell zu identifizieren. Influenza-Viren gehören zur Familie der Orthomyxoviren. Sie kommen in drei verschiedenen Typen vor - A, B und C. Im vorigen Winter wurden 1130 verschiedene Influenza-Stämme in Deutschland isoliert. Grippeviren gehören zu den Arten, die am schnellsten mutieren. Fast 1000 Ärzte von Flensburg bis Sonthofen entnehmen im Zeitraum von Oktober bis April bei Patienten mit Verdacht auf eine Influenza Nasen- und Rachenabstriche und schicken diese an das Nationale Referenzzentrum des Robert Koch Instituts. Die Wissenschaftler werten die Proben aus und züchten die Erreger in Zellkulturen oder Hühnerembryonen. In Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihren weltweiten 110 Referenz-Zentren wird die Zusammensetzung des jeweils aktuellen Impfstoffes festgelegt. Jedes Jahr passen die Pharmahersteller die Zusammensetzung neu an die kursierenden Virustypen an. Allein in Deutschland kamen bis Mitte Oktober mehr als 28 Millionen Dosierungen auf den Markt, deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Im vergangenen Winter ließen sich laut RKI 19 Millionen Bundesbürger gegen Influenza impfen.
Impfempfehlung Die Experten der ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) empfehlen die Influenzaimpfung für folgende Personengruppen, die besonders durch eine Infektion gefährdet sind:
Die der STIKO entsprechende Einrichtung in den USA, die ACIP (Advisory Committee on Immunization Practices), fasst ihre Empfehlungen noch weiter: So wird allen Personen über 50 Jahren die Influenza-Impfung empfohlen sowie allen Schwangeren nach dem 3. Schwangerschaftsmonat, deren 2. bzw. 3. Trimenon in die Influenza-Saison fällt und allen gesunden Kindern im Alter von 6 bis 23 Monaten. Außerdem wird - wie seit kurzem auch in Deutschland - allen Personen, die Influenza an Risikopatienten weitergeben können, zu einer Impfung geraten. Dazu gehören neben dem medizinischen und Pflegepersonal in Krankenhäusern und Heimen sämtliche Personen auch im privaten Umfeld, die mit Risikopersonen in Kontakt kommen. Erkältung und Grippe verhalten sich wie Tretroller zu Turbosportwagen. Die Influenza beginnt mit:
Eine Erkältung und eine Grippe kann man eigentlich gar nicht verwechseln. Die Grippe fällt über den Patienten her, lähmt ihn, macht ihn unfähig zu agieren. Die Symptome, insbesondere das Fieber sind galoppierend. Ist eine Grippewelle "am rollen" reicht meist die Identifizierung der ILI-Symptomatik: plötzlicher Erkrankungsbeginn mit Fieber von mindestens 38,5 Grad Celsius, trockener Reizhusten sowie Muskel- und/oder Kopfschmerzen. Tabelle: Differentialdiagnose Grippe/Erkältung
Durch die Grippeviren ist das Immunsystem so stark geschwächt, dass andere Krankheitserreger leicht in den Körper eindringen können. Eine Lungenentzündung oder eine Entzündung des Herzmuskels sind häufige Folgeerkrankungen. An einer Lungenentzündung sterben auch in Deutschland noch immer jedes Jahr mehrere Tausend Grippeinfizierte. Nach Angaben der STIKO treten rund 80 Prozent aller Todesfälle nach Influenzainfektionen bei älteren Menschen auf! Eine Studie zeigt, dass Influenza-Geimpfte ein um
Die Wirksamkeit einer Impfung gegen Influenza wurde bereits 1943 mit einem Totimpfstoff demonstriert, sie bietet einen guten, aber sehr typspezifischen und nur kurzfristigen Schutz vor einer Infektion. Grippeimpfstoffe werden als trivalent bezeichnet. Sie enthalten zwei Influenza-A-Stämme und einen Influenza-B-Stamm. Die einzelnen Virusstämme werden separat in befruchteten Hühnereiern gezüchtet. Da sich die Oberflächenantigene der Influenzaviren ständig ändern, muss jedes Jahr neu geimpft werden. Die Zusammensetzung der Vakzine erfolgt jeweils nach den – in den letzten Jahren meistens recht zuverlässigen – WHO-Empfehlungen aufgrund der zu erwartenden Virustypen. Der Influenzaimpfstoff wird am besten zwischen Mitte Oktober und Mitte November intramuskulär oder tief subkutan injiziert. Auch eine spätere Impfung ist noch sinnvoll. Antivirale Medikamente gleich nach Symptombeginn nehmen! Eine individuelle Bevorratung mit antiviralen Medikamenten wird vom Robert Koch Institut in einer aktuellen Meldung nicht empfohlen. Von Neuraminidasehemmern weiß man, dass sie unter Laborbedingungen gegen Viren, die früher schon einmal Pandemien hervorgerufen haben, wirksam sind. Außerdem ist es aufgrund des Wirkungsmechanismus der Arzneimittel für Influenzaviren schwieriger, resistente Erreger hervorzubringen, die genauso leicht von Mensch zu Mensch übertragbar sind. Bisherige Erfahrungen aus saisonalen Grippewellen, vor allem aus Japan, wo diese Arzneimittel sehr häufig eingesetzt werden, bestätigen das. Oseltamivir wird als Kapsel oder Lösung geschluckt, Zanamivir muss inhaliert werden. Die Dauer der Erkrankung wird bei Einnahme innerhalb von 24 Stunden nach Symptombeginn um 40% verkürzt und innerhalb von 36 Stunden bereits nur noch um 30% reduziert. Laut einiger "Wetterbauern" soll diese Jahr ein sehr kalter Winter auf uns zukommen. Ziehen wir uns warm an und schlagen der Grippe die Tür zu.
(Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie) © medizin.de 2007 (zuletzt aktualisiert 07/2011) Quellen:
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