Herpes: Mundfäule und elektrische Felder

Lippenherpes und Lippenbläschen (Herpes labialis):

Ansteckung, Reinfektion und Beschwerden

Immerhin 19 von 20 Mitteleuropäern haben schon Bekanntschaft geschlossen mit dem Erreger der Lippenbläschen, dem Herpes-Virus. Manche ohne es zu wissen oder es bemerkt zu haben, andere plagen die Beschwerden jeden Monat für einige Tage. Für eine so verbreitete Erkrankung ist das allgemeine Wissen erstaunlich gering und durchsetzt von "Ammenmärchen" und Aberglauben. Dabei hat die medizinische Wissenschaft inzwischen alle früheren Geheimnisse gelüftet und bietet hilfreiche Linderung an. Aber auch alternative Methoden und Tipps aus Omas Nähkästchen bringen Erleichterung.

Das Virus

Beim Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) oder Herpesvirus hominis (menschliches Herpesvirus) handelt es sich um einen 150-200nm großen Partikel. Ein Nanometer (nm) ist ein milliardstel Meter. Innen liegt die genetische Information der DNA (engl. Core), die von einer Eiweißhülle (Nukleokapsid) aus identischen Bauteilen (Kapsomeren) umgeben wird. Diese beiden stecken in der äußeren Hülle, dem "Envelope". Vom Typ 1 wird der Typ HSV-2 unterschieden, die genetische Verwandtschaft zwischen beiden ist sehr eng. Auch die Beschwerdebilder sind fast gleich und kaum zu unterscheiden, HSV-1 ist allerdings mehr für die Lippen zuständig, HSV-2 für den Genitalbereich. Wegen der biologisch sehr labilen Hülle sind die Viren sehr empfindlich. In der Virologie werden weitere Subklassen unterschieden. Die Familie der Herpesviren ist vor allem bei höheren Säugetieren sehr verbreitet und dort Auslöser teils schwerer Erkrankungen, HSV allerdings tritt nur beim Menschen auf.

Ansteckung, Reinfektion und Beschwerden

Der erste Kontakt mit dem Virus - die eigentliche Ansteckung - erfolgt in der Regel als Kind bis zum 5. Lebensjahr. Oft verläuft sie unbemerkt und ohne jede Krankheitszeichen, manchmal auch als Mundfäule mit schmerzhaften Bläschen der Mundschleimhaut. Quelle sind andere Kinder oder auch Erwachsene mit akutem Fieberbläschenschub. Schwere Verläufe sind sehr selten, sie betreffen fast nur Kinder mit Immunschwächen oder bösartigen Erkrankungen. Das Immunsystem gesunder Menschen bildet schnell Antikörper gegen die Viren und "vertreibt" diese aus den oberflächlichen Schleimhäuten. Leider sind sie damit nicht eliminiert: Das Virus wirft seine Hülle ab und überdauert als DNA - für das Immunsystem unsichtbar - in den Knoten (Ganglien) der sensorischen Nerven. Sensorisch sind die "fühlenden" im Gegensatz zu den motorischen Nerven, die die Muskelbewegungen steuern. Diese infizierten Zellen dienen als lebenslanges Erregerreservoir. Auf bestimmte Auslöser kommt es zu einem erneuten sicht- und fühlbaren Ausbruch, einer "Reinfektion" oder einem "endogenen Rezidiv". Das Beschwerdebild entspricht jetzt den bekannten "Fieberbläschen" der Lippen, selten - aber dann nicht harmlos- sind der Befall der Augen, des Gehirns oder innerer Organe. Die Lippenbläschen verkrusten nach ca. zehn Tagen, bis dahin ist eine Ansteckung möglich.

Auslöser der Reinfektion

Als Auslöser für eine erneute Virusvermehrung kommen sehr viele Dinge in Frage - das macht den Herpes so tückisch.

  • Starke Reizungen der Haut
  • Verbrennungen
  • intensive Sonnen- bzw. UV-Bestrahlung
  • kleinere Verletzungen
  • eine zahnärztliche Behandlung

lösen einen Schub aus.
Innere Ursachen sind

  • Stress
  • Regelbeschwerden
  • Fieber
  • Tumorerkrankungen

Im Grunde kann also fast jede alltägliche Situation einen Herpes-Schub bedingen; zum Glück fängt aber das Immunsystem viele mögliche Ursachen ab. Die Diagnose wird leicht aufgrund der klassischen Beschwerden gestellt, Laboruntersuchungen sind in der Regel nicht notwendig und bringen kaum neue Informationen.

Behandlung

Eine Impfung existiert nicht. Daher ist das Ziel, Beschwerden zu lindern, die Zeit zum Abheilen zu verkürzen und die Ansteckungsgefahr für andere zu mindern. "Hausmittel" wie das Bedecken mit Zahnpasta sind keineswegs veraltet und reichen bei manchen Personen aus: die Pasta lässt die Bläschen eintrocknen und "versiegelt" sie. Die Apotheke bietet frei verkäufliche Cremes mit dem Wirkstoff "Aciclovir" an. Früh genug aufgetragen, kommt es zum gewünschten Zahnpasta-Effekt. Viele Betroffenen fühlen die Bläschen kommen: Juckreiz und Spannungsgefühl gehen den sichtbaren Erscheinungen voraus. Aciclovir kann in schweren Fällen auch als Tabletten oder sogar als Infusion gegeben werden.

Behandlung neu

In letzter Zeit wird verstärkt - auch im Internet - für eine neue Methode der Herpesbehandlung geworben. Ein batteriebetriebener "langer Lippenstift" von 11cm Länge und 1,5cm erzeugt direkt am Ort des Geschehens auf den Lippen ein schwaches elektrischen Feld. Damit wird der pH-Wert kurzzeitig von normal 5,5 auf unter 2 gesenkt. Der Anwender bemerkt ein leichtes Kribbeln. Ob diese Methode des Preises von ca. 70 Euro wert ist, muss die Zukunft zeigen. Vielleicht ist vielen Betroffenen der Versuch mit Johannisbeere lieber: Japanische Mikrobiologen konnten im Labor die Wirksamkeit eines Johannisbeeren-Extrakts gegen Herpesviren belegen. In einer 100-fachen Verdünnung des Extrakts beeinflusste die Lösung die Anheftung von HSV Typ 1 an die Zellmembran und führte zu einer Hemmung der Virusvermehrung.

(Dr. med. Dipl. Inf. Berthold Gehrke, Redaktion medizin.de) © medizin.de 2007 (zuletzt aktualisiert 02/2009)