Hirnimplantat als Frühwarnsystem bei Epilepsie

Hirnimplantat_Epilepsie

Menschen mit Epilepsie leben in ständiger Angst vor einem epileptischen Anfall. Trotzt teilweise sehr wirksamer Medikamente und sogar chirurgischen Optionen zur Therapie einer Epilepsie werden viele Epileptiker nicht gänzlich anfallfrei. Zwar kündigt sich ein epileptischer Anfall oft einige Minuten früher an; dennoch überfällt einen Patienten die Epilepsie nicht selten ais heiterem Himmel. Eine der gefährlichsten Faktoren einer Epilepsie bzw. eines epileptischen Anfalls ist die große Verletzungsgefahr, in der sich der Betroffene im Verlauf eines Krampfanfalls befinden kann.

Wüsste der Epileptiker früh genug über den drohenden Anfall Bescheid, könnte er sich rechtzeitig in eine Umgebung begeben die schwere Verletzungen unwahrscheinlich macht. Genau diese Theorie scheint nun Forschern in Australien gelungen zu sein. Sie entwickelten und testeten einen neuartigen Hirnschrittmacher. Nach Einpflanzung ins Gehirn registriert dieser die Hirnwellen und sendet bei jeder Auffälligkeit in den Hirnströmen (wie dies lange vor einem epileptischen Anfall bereits passiert) ein Signal. Der Epileptiker bekommt diese Warnung auf ein Handgerät übermittelt und hat nun die Möglichkeit, sich auf die kommende Gefahr einzurichten.

Hirnimplantat zeichnet EEG-Wellen auf

15 Epilepsie-Patienten wurden unlängst zu einer Studie über die Zuverlässigkeit eines Hirnimplantates im St. Vincent Hospital in Melbourne untersucht. Die Leitung des Pilotprojektes übernahm der auf den Fachbereich Epileptologie spezialisierte Neurologe Mark Cook. Allen Probanden ist gemeinsam, dass sie trotzt einer antiepileptischen Medikation zwischen 2 und 12 epileptische Anfälle erleiden. Zur Anwendung kamen die typischen Epilepsie-Medikamente (Antiepileptika), die das im Gehirn befindliche GABA-System unterstützen. GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Gehirn. Bei einer Epilepsie scheint dieses System gestört zu sein. 6 der Studienteilnehmer unterzogen sich sogar einem chirurgischen Eingriff, bei dem das die Epilepsie auslösende Hirnareal bestmöglich entfernt wird. Auch diese Probanden erlitten trotzdem weiterhin Anfälle im Sinne einer fokalen Epilepsie.

In einem neurochirurgischen Eingriff wurde jedem Studienteilnehmer ein Hirnimplantat – bestehend aus zwei Elektrodenstreifen – in die Oberflächenregion der Großhirnrinde eingesetzt. Dieses Hirnimplantat zeichnet die von den Neuronen ausgesendeten EEG-Wellen auf und registriert auf diese Art und Weise auch Unregelmäßigkeiten wie sie vor einem epileptischen Anfall typisch sind. Das Hirnimplantat ist über hauchdünne Kabel mit einem Telemetrie-Element verbunden, welches die Neurochirurgen unterhalb des Schlüsselbeins eingepflanzt haben. Diese Telemetrie-Einheit sendet über Funkwellen die Ergebnisse an eine Art Handgerät, dass die Studienteilnehmer immer bei sich tragen sollen. Das Handgerät zeigt dem Träger je nach vorhandener Gefahr eines epileptischen Anfalls verschiedene Farben an. Bei großer Gefahr hat der Patient die Möglichkeit sich rasch in Sicherheit zu bringen um schweren Verletzungen vorzubeugen.


Verbesserung der Lebensqualität

Obwohl das Hirnimplantat keinen einzigen epileptischen Anfall verhindern kann, so bedeutet die Frühwarnung vor einem Anfall bereits eine sehr große Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit einer ansonsten therapieresistenten Epilepsie. Eine Frühverrentung kann evtl. verhindert werden, da sich Beruf und Epilepsie leichter miteinander verbinden lassen. Bei den 15 Studienteilnehmern konnten zwar nicht alle Hirnimplantate im Ergebnis überzeugen, bei 11 von ihnen wurden aber Genauigkeitswerte von 65 bis 100 % erreicht. Es handelt sich noch um eine völlige Neuheit auf dem Markt der Medizintechnik. Wenn aber die von NeuroVista in Seattle produzierten Hirnimplantate in weitern Studien überzeugen, könnte dies ein Meilenstein in der Epilepsie-Behandlung sein.

Interessant an den Ergebnissen aus Australien ist auch folgende Beobachtung: Die Hirnimplantate zählen auch die Gesamtzahl der Anfälle in einer definierten Zeiteinheit. Dabei unterschätzten Epileptiker oft die Anzahl der erlebten Krampanfälle. Während im Tagebuch eines Epilepsie-Patienten 11 Anfälle notiert waren, zeigte die Telemetrie-Einheit 102.

Quellenangabe:

  • Pressemitteilung der Universität Melbourne (02.05.2013)
  • NeuroVista
  • Dt. Ärzteblatt (02.05.2013)
  • Abstract der Studie: The Lancet Neurology (02.05.2013)
  • Neuroanatomie: Struktur und Funktion (Martin Trepel), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH
  • Medi-Learn Skriptenreihe, Anatomie 4 (Medi-Learn)
  • Neurologie (Walter Gehlen, Heinz-Walter Delank), Thieme-Verlag

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)