Klinefelter-Syndrom

Die unbekannte Erbkrankheit -  Normales Leben trotz Trisomie

Der Begriff "Erbkrankheiten" weckt unangenehme Assoziationen. Nicht viel besser klingen "angeborene Fehlbildung" oder "Gendefekt". Viele denken dabei an schwer- und schwerstbehinderte Menschen, von deren Schicksal man selbst oder die Familie hoffentlich verschont bleiben sollen. Dieses Gefühl hat wenig mit der wissenschaftlichen Realität zu tun: längst ist bekannt, dass viele Krankheiten auf "unsichtbare" Defekte des genetischen Materials beruhen und praktisch jeder Mensch welche in sich trägt. Auf der anderen Seite bleiben Gendefekte oft lange unbemerkt und erlauben ein normales Leben. Zu den weniger bekannten, dabei aber relativ häufigen Erbkrankheiten zählt das Klinefelter-Syndrom (wissenschaftliche Kodierung: ICD-10 Q98.0). Es ist nach dem Arzt (ausgesprochen wie "Kleinfelter") benannt, der es in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts als erster beschrieb.

Chromosomen und Reifeteilung

Es handelt sich beim Klinefelter-Syndrom um eine der wenigen - und das sogar sehr gut - mit dem Leben vereinbaren ?numerischen Chromosomenaberrationen?. Hinter diesem sperrigen Ausdruck verbergen sich Störungen in der Zahl bzw. bei der Aufteilung der Chromosomen. Auf den 46 Chromosomen des Menschen liegt die gesamte genetische Information. Je 22, paarweise mit identischen Genen, stammen von der Mutter und dem Vater. Das letzte Paar bildet die Geschlechtschromosomen; entweder sind es zwei X (weiblich) oder ein X und ein Y (männlich), jeweils so genannt wegen ihrer typischen Gestalt im Bild unter dem Mikroskop. Das Y-Chromosom kommt logischerweise immer vom Vater. Diese Konstellation wird als Karyotyp 46,XY (46 Chromosomen, darunter ein X und ein Y) bzw. als Karyotyp 46,XX bezeichnet. Damit nicht in der nächsten Generation ein Individuum mit der doppelten Zahl entsteht - das wäre auf keinen Fall lebensfähig - , müssen sich in den Ei- bzw. Samenzellen der Eltern die Chromosomensätze vor ihrer Verschmelzung auf 23 halbieren. Das geschieht in der so genannten ersten Reifeteilung oder Meiose. Alle anderen Körperzellen, z.B. die sich schnell teilenden Zellen der Darmschleimhaut, verdoppeln vor einer Teilung die Chromosomen, so dass danach jede Zelle wieder den normalen Chromosomensatz enthält. Diese Teilung heißt Mitose. Fehler bei der Meiose Beim äußerst komplizierten Geschehen der Meiose in den Geschlechtszellen kommt es immer wieder zu "Fehlern". Manchmal wird der Satz nicht exakt geteilt und eine Tochterzelle enthält zu wenig oder zu viel Material. Als Folge verfügen die Zellen nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle über ein irreguläres Chromosomen-Muster. Man nimmt an, dass die meisten dieser numerischen Chromosomenaberrationen nicht lebensfähig sind und die Embryonen sehr kurz, innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle absterben. Das bleibt allerdings fast immer unentdeckt, da es sich scheinbar um eine Regelblutung handelt. Die bekannteste mit dem Leben vereinbare Chromosomenaberration ist das "Down-Syndrom" sein. Dieses im Volksmund noch immer als Mongolismus (fehl-)bezeichnete Syndrom ist gekennzeichnet durch drei statt zwei Chromosomen 21, daher die wissenschaftliche Bezeichnung "Trisomie 21" (Karyotyp 47,XX+21 bzw. 47,XY+21). Sehr viel seltener sind Geburten mit einer Trisomie 13 oder 18, deren Träger meist kurz nach der Geburt sterben.

Klinefelter-Syndrom, Definition und Häufigkeit

Das Klinefelter-Syndrom betrifft nur Jungen. Das erklärt sich damit, dass hier zu den Geschlechtschromosomen X und Y ein weiteres X hinzukommt (Karyotyp 47,XXY). Aus molekulargenetischen Untersuchungen ist bekannt, dass dieses ungefähr gleich häufig vom Vater oder von der Mutter stammt. Manchmal findet sich sogar mehr als ein zusätzliches X beim Klinefelter, die Betroffenen haben den Karyotyp 48,XXXY oder 49,XXXXY; diese Gruppe macht insgesamt ein Fünftel aus. Das "weibliche" Gegenstück, das Triple-X-Syndrom mit dem Karyotyp 47,XXX ist extrem selten. Das Klinefelter-Syndrom ist ? gemessen an seinem geringen Bekanntheitsgrad - ?erstaunlich? häufig: einer von 500 bis 1.000 Jungen ist betroffen. Damit ist es nur wenig seltener als die häufigste Gendefekt-Krankheit, die Mukoviszidose. Das Down-Syndrom als häufigste numerische Aberration ist etwa doppelt so häufig wie das Klinefelter-Syndrom, allerdings werden aufgrund der Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft vor allem von Frauen über 35 weniger Kinder mit Down als Klinefelter geboren. Rechnerisch müssten in Deutschland ungefähr 70.000 Jungen und Männer mit dem Klinefelter-Syndrom leben. Allerdings wissen es nach Schätzungen acht von zehn (!), also rund 55.000 nicht.

Symptome

Das liegt daran, dass die Symptome nur wenig auffallen oder sogar fehlen. In den ersten Jahren gibt es praktisch keine Beschwerden. Die Jungen entwickeln sich völlig normal, sind nicht geistig behindert und normal intelligent. Eine gewisse Beeinträchtigung wird allerdings oft auf den Gebieten der Sprache und Motorik gesehen; diese wird aber nur selten mit der genetischen Ursache in Zusammenhang gebracht. Diese verläuft sich oder wird durch eine entsprechende Förderung abgefangen. Erst dann, wenn bei gleichaltrigen Jungen die Pubertät beginnt, sie eine tiefere Stimme bekommen und die ersten Bart- und Schamhaare sich zeigen, werden die Eltern aufmerksam. Der Penis und die Hoden bleiben kindlich klein, die Jungen sehen eher weiblich aus mit sogar leichten Brüsten (Gynäkomastie). Allerdings sind sie meist größer als der Durchschnitt. Alle diese Symptome müssen aber nicht auftreten oder bemerkt werden. Daher werden nicht wenige Symptomträger überhaupt nie diagnostiziert oder erst dann, wenn sie sich wegen eines unerfüllten Kinderwunsches untersuchen lassen. Die Unfruchtbarkeit ist das einschneidendste Symptom des Klinefelter-Syndroms. Aufgrund des Testosteronmangels werden keine oder nur sehr wenige Spermien gebildet. Im Gegensatz zur körperlichen Entwicklung ist aber die so genannte "emotionale Sexualität", das Fühlen von Lust und der Zug zum anderen Geschlecht, unauffällig. Diagnose und ähnliche Bilder Die Diagnose ist heutzutage einfach. Ein "Speichel-Gen-Test", bei dem die Chromosomen ausgezählt werden, beweist den Verdacht. Auch bei einer vorgeburtlichen Untersuchung des Fruchtwassers oder durch eine Chorionzottenbiopsie ist ein Klinefelter-Syndrom zweifelsfrei erkennbar. Beim "Pseudo-Klinefelter-Syndrom" werden wegen eines Defektes der Leydig-Zwischenzellen der Hoden keine Hormone ausgeschüttet. Das Bild ähnelt zwar dem Klinefelter-Syndrom, der Karyotyp ist aber 46,XY, also normal.

Behandlung...

Eine ursächliche Behandlung des Klinefelter-Syndroms ist nicht möglich; der Chromosomensatz eines Menschen ist bisher und auf absehbare Zeit nicht zu beeinflussen. Da die Beschwerden im wesentlichen aufgrund des mangelnden Testosterons entstehen, war bisher dessen Ersatz durch lebenslang einzunehmende Tabletten die Therapie der Wahl. Weil die Tabletten jedoch nur ungenügende Blutspiegel erzeugen, erfolgt die Therapie heute praktisch ausschließlich über Injektionen, die alle 1 bis 3 Monate verabreicht werden, oder über Gele, die täglich auf die Haut aufgetragen werden. Seit kurzem sind auch wieder Pflaster erhältlich. Ob die sich in der Therapie durchsetzen werden, bleibt abzuwarten.

...der Unfruchtbarkeit

Erfreulicherweise ist heute sogar die Unfruchtbarkeit oftmals nicht unabänderlich. Mit entsprechender Hormonsubstitution und der modernen Technik einschließlich einer (harmlosen) Hodenbiopsie lassen sich oft einige gesunde Spermien gewinnen. Diese werden dann genutzt zur Befruchtung per ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion). Vermutlich gibt es zwei Gründe für diese Erfolge: zum einen scheint ein kleiner Teil der frühen Vorstufen der Spermien mit dem Klinefelter-Karyotyp 47,XXY einige normale komplette Spermien (also vom Karyotyp 23,X oder 23,Y) bilden zu können; der Fehler der vorherigen Generation wird gewissermaßen aufgehoben. Außerdem gibt es eine gewisse Zahl von Klinefelter-Trägern mit "Mosaiken", das sind betroffene Individuen, bei denen nicht alle Körperzellen den Karyotypen 47,XY aufweisen; es gibt auch solche mit normalem Chromosomensatz. (Berthold Gehrke; Redaktion medizin.de)

© medizin.de 2008 (zuletzt aktualisiert 02/2009)

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