Makuladegeneration: Hilfe durch HIV-Medikament?

AMD_HIV-Medikamente

Sie ist eine der Hauptursachen für schwere Sehbehinderungen im hohen Alter: Die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) steigt in ihrer Häufigkeit ab dem 60. Lebensjahr sprunghaft an und kann im Extremfall bis zur völligen Erblindung führen. Schätzungen zufolge sind zwei Millionen Bundesbürger von der schleichenden Zerstörung der Netzhaut betroffen. Die Therapie erweist sich bislang als sehr schwierig und nicht so erfolgversprechend. Lediglich bei der feuchten Makuladegeneration vermag eine Laserbehandlung eine gewisse Besserung zu erzielen. Aufhorchen lassen unlängst Forschungsergebnisse aus den USA, in denen ausgerechnet Wirkstoffe zur Bekämpfung von HIV signifikante Erfolge in der Therapie der AMD erzielten. Bislang beschränken sich die Untersuchungen auf Tierversuche – doch klinische Studien könnten bald folgen.


Zerstörung der Makula konnte verlangsamt werden

Der US-amerikanische Augenarzt Jayakrishna Ambati konnte zweifelsfrei nachweisen, dass der Einsatz von bestimmten HIV-Medikamenten aus der Gruppe der Reverse Transkriptase-Hemmern das Fortschreiten der Makuladegeneration bei Labormäusen deutlich verlangsamte. Der Forscher der Universität von Kentucky ist sich sicher, dass diese Ergebnisse kein Zufall sein können. Bei der AMD führen pathologische Ablagerungen von Metaboliten zu einer unaufhaltsamen Zerstörung von Strukturen der Netzhaut. Normalerweise sorgt eine Reihe von Stoffwechselvorgängen zu einer raschen Beseitigung dieser Abfallprodukte. Diese Reinigungsfunktion nimmt naturgemäß mit dem Alter ab – bei einigen Menschen funktioniert dieser Prozess gar nicht mehr. Besonders betroffen von der schleichenden Zerstörung sind die sog. retinalen Pigmentepithelzellen. Gerade diese, auf den Stofftransport durch die Netzhaut spezialisierten Zellen, wurden durch Anwendung des HIV-Medikamentes besonders geschützt.

Zum Einsatz kamen die bereits seit langem in der pharmakologischen HIV-Therapie eingesetzten Nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI). Ob diese Wirkstoffe beim Menschen eine ebenso beeindruckende Wirkung erzielen, kann derzeit noch nicht prognostiziert werden. Nicht selten verlaufen bei Tieren erfolgreich getestete medizinische Neuerungen beim Menschen ganz anders. Da die NRTI jedoch seit 1987 in der HIV-Bekämpfung erfolgreich eingesetzt werden, stünde der Aufnahme von klinischen Studien am Menschen nichts im Wege.


AMD und HIV: Biochemisch gar nicht so verschieden

Bei der Frage nach dem Grund für die Wirksamkeit der NRTI gingen Ambati und seine Kollegen aus Lexington den molekularen Grundlagen der AMD auf den Grund. Und sie wurden fündig. Auf den ersten Blick hat das Immunschwächevirus HIV bzw. die Erkrankung AIDS so gar nichts mit der Augenerkrankung AMD gemeinsam. Ambati konnte jedoch nachweisen, dass spezielle Alu-RNA-Fragmente an der Entstehung der AMD beteiligt sind. Die Alu-RNA wird einer speziellen Gruppe von Genen mit der Bezeichnung Retrotransposonen zugeordnet. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie durch das Enzym Reverse Transkriptase aktiviert werden. Diese Alu-RNA bringt bei der AMD eine Reihe von Enzymen in Gang, die die Zerstörung der Netzhaut vorantreiben. Das bekannteste Enzym in diesem Zusammenhang ist die Caspase-1. Die Reverse Transkriptase sorgt beim HI-Virus für die Umschreibung von RNA in DNA. Sie unterstützt also das unheilvolle Virus bei seiner Vermehrung. NRTI schließlich hemmt die Reverse Transkriptase, was sowohl bei HIV als auch bei AMD zu einer Stagnation des Krankheitsgeschehens führt.

Ob dies tatsächlich die Ursache für die vielversprechenden Ergebnisse der HIV-Medikamente ist, bleibt fraglich. Weitergehende Forschungen in Kentucky sprechen mittlerweile eher für einen anderen Ansatz: NRTI könnte einen Proteinkomplex mit dem Namen Inflammasom blockieren und damit in seiner Wirkung hemmen. Das Inflammasom kommt im Zytoplasma von bestimmten Immunzellen, Makrophagen und neutrophilen Granulozyten vor. Inflammasome stimulieren die Caspase-1, die bekanntermaßen hauptverantwortlich für die Retinazerstörung im Rahmen der AMD ist. Was auch immer die genaue molekulare Ursache für diese erstaunlichen Beobachtungen ist: Sie könnte Hoffnung für Millionen von Patienten mit schweren Sehbehinderungen bedeuten. NRTI wurden in den 1960er Jahren zur Behandlung von Krebs eingesetzt, seit Ende der 1980er Jahren sind sie erfolgreich im Kampf gegen HIV. Ob eine weitere Renaissance in der Augenheilkunde folgen wird, bleibt abzuwarten.

© medizin.de 2014 (Gunnar Römer)


Quellenangaben:

  • Pressemitteilung der University of Kentucky (20.11.2014)
  • Abstract der Studie im Online-Magazin Science (21.11.2014)
  • Dt. Ärzteblatt (24.11.2014)
  • Klinische Pharmakologie (Martin Wehling), Thieme-Verlag
  • Augenärztliche Therapie (Anselm Kampik, Franz Grehn), Thieme-Verlag
  • Pharmakologie und Toxikologie – Für Studium und Praxis (Claus Jürgen Estler, Harald Schmidt), 6. Auflage, Schattauer-Verlag
  • Funktionelle Histologie (Rohen, Lütjen-Drecoll), 4. Auflage, Schattauer-Verlag