MERS: Virus verunsichert Orient

MERS

Uns Europäern sind die Tage noch gut in Erinnerung: Die Tage, an denen Schweine- und Vogelgrippe unseren Kontinent im Griff hatten. Die kontrovers geführte Diskussion um die Gefährlichkeit des Virus, die Frage nach dem Nutzen einer Impfung, Bilder von verendeten Tieren: Eine mehr oder weniger plötzlich auftretende Epidemie vermag es, den Alltag ganzer Bevölkerungen zu bestimmen. Ähnlich dürfen sich derzeit die Menschen auf der arabischen Halbinsel fühlen: Ein mysteriösen Virus sorgt dort für zunehmende Unsicherheit. MERS steht für „Middle East respiratory syndrome-coronavirus”. Vermutlich von Kamelen und Dromedaren auf den Menschen übertragen, vermag es mehr Schaden anzurichten, als die englische Bezeichnung erahnen lässt.

Mysteriöser Erreger fordert Todesopfer

Kein Impfstoff, viele Todesopfer, schnelle Ausbreitung: Mit diesen Worten lässt sich die derzeitige Situation in den arabischen Ländern zusammenfassen. Obwohl bisherigen Erkenntnissen zur Folge eine direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung recht schwierig ist, hat sich die Zahl der Erkrankten seit Anfang 2014 vervielfacht. Im größten Staat der arabischen Halbinsel, Saudi-Arabien, sind derzeit rund 500 Personen mit MERS infiziert. Grund zur Sorge macht dabei nicht nur die Frage, ob sich das Virus möglicherweise zu einer weltweiten Seuche entwickeln kann. Beunruhigend ist auch die Tatsache, dass rund 25 % der Infizierten an dem mysteriösen Keim sterben. Dies liegt sicherlich auch an den derzeit noch sehr wenigen Kenntnissen über MERS. Als relativ sicher gilt mittlerweile, dass Kamele die Übertragungsquelle auf den Menschen darstellen.

Kamel nur Zwischenwirt

Ansteckungen unter Menschen gelten als unwahrscheinlich, daher haben Epidemiologen anhand von Fallbeispielen versucht zu rekonstruieren, woher das Virus kommt und wie es sich verbreitet. Nach derzeitigem Kenntnisstand gehen die Forscher davon aus, dass Fledermäuse als Reservoirwirt bzw. primärer Wirt für MERS fungieren. Da eine Ansteckung von Fledermäusen auf Menschen sehr unwahrscheinlich ist, suchten die Wissenschaftler weiter und machten Kamele als sehr wahrscheinlichen Zwischenwirt aus. Von den Kamelen erfolgt schließlich eine sporadische Übertragung auf den Menschen, u. a. durch Tröpfcheninfektion. Im Speichel und auf der Nasenschleimhaut der Tiere konnten recht hohe Viruskonzentrationen nachgewiesen werden. Getestet wurden außerdem die ebenfalls im Nahen Osten vielfach genutzten Schafe und Ziegen: Bei keinem der Tiere konnte MERS nachgewiesen werden.


Infektion schädigt Lunge und Nieren

Nach einer Inkubationszeit von zumeist einer Woche leiden die Infizierten unter einer starken Lungenentzündung und schweren Infekten innerhalb der Atemwege. Besonders tückisch: Kurze Zeit später kommt es zu schweren Nierenschädigungen bis hin zum totalen Nierenversagen. Richtig bekannt wird MERS erst jetzt, es gab aber bereits 2012 zwei Fälle, die im Nachhinein klar auf dieses Virus hindeuten. Aufmerksamkeit erregte der Tod eines Patienten im Juni 2012 in London, der mit schwersten Atemwegsbeschwerden von seiner Heimat Saudi-Arabien in die britische Hauptstadt verlegt wurde. Eine recht uncharakteristische Form der Lungenentzündung lenkte den Verdacht der Mediziner schon recht früh auf ein Virus. Als mysteriös und nicht zum restlichen Krankheitsbild passend sollte sich das bereits sehr früh auftretende akute Nierenversagen darstellen. Nach dem Tod des Patienten konnte mittels herkömmlicher Virusserologie kein Erreger festgestellt werden. Erst ein speziell für SARS eingesetztes Nachweisverfahren lieferte den Forschern eine bislang unbekannte Gensequenz, die zu einem Coronavirus passte.

Ein Vierteljahr später erkrankte in Katar ein Mann, der sich vorher längere Zeit in Saudi-Arabien aufhielt. Auch er litt an schweren respiratorischen Symptomen und einem akuten Nierenversagen. Die hierbei isolierten Genabschnitte wurden mit jenen vom Juni 2012 vergleichen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Sequenzen glichen sich so sehr, dass sie von derselben Art stammen mussten. Spätestens hier wurde den Wissenschaftlern klar, dass es die Welt wohl mit einer neuen und gefährlichen Art Coronavirus zu tun hatte. Die größte Viruslast konnte bei den Patienten – wie bei den Kamelen – in der Nasenschleimhaut nachgewiesen werden.

Sprunghafter Anstieg der Erkrankungszahlen

Ende März 2013 waren bereits 17 Erkrankungen bekannt, von denen 11 einen tödlichen Ausgang nahmen. Nur bei zweien konnte eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nachgewiesen werden. Lediglich zwei Monate später, Ende Mai 2013, zählte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 50 Fälle, 30 Patienten waren verstorben. Ende März diesen Jahres lag das Verhältnis von Infektionen zu Todesfällen bei 206 zu 86. Die aktuellste Zählung der WHO vom 9. Mai 2014 kommt schließlich zu folgendem erschreckenden Ergebnis: Derzeit sind über 536 Personen mit MERS infiziert, 145 Todesopfer sind zu beklagen. Eine derart rasante Verbreitung lässt normalerweise auf eine rasche Mutationsrate des Virus schließen, mit deren Hilfe es sich immer besser an seine Wirte anpassen kann. Bisher wurden aber hierfür keinerlei Hinweise gefunden.

Diagnose und Therapie bislang unbefriedigend

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich MERS ausbreitet, wird der Ruf nach einer wirksamen Therapie bzw. einer Impfung immer lauter. Doch bereits die Diagnose erweist sich als schwierig: Die gewöhnlich für den Nachweis von Coronaviren üblichen Nachweismethoden liefert keine eindeutigen Ergebnisse. Möglich ist ein Erregernachweis anhand der mittlerweile bekannten Genomsequenzen durch eine Polymerase-Kettenreaktion, die aber lediglich in hochspezialisierten Labors möglich ist, wie sie im Mittleren Osten eher selten zu finden sind. Auch Antikörpernachweise liefern bisher kaum aussagekräftige Ergebnisse.

Kaum günstiger sieht es bei der Therapie aus: Eine direkt gegen das Virus gerichtete Behandlung existiert bislang nicht. Lediglich die Symptome können gelindert werden. Einigermaßen vielversprechend sind aktuelle Beobachtungen an Rhesusaffen, die mit einer Kombination aus Ribavirin  und Peginterferon α behandelt werden. Diese Wirkstoffmischung ist ansonsten in der Therapie von Hepatitis C üblich, scheint aber auch gegen MERS eine gute Wirksamkeit zu zeigen. Ein Hoffnungsschimmer für die Therapie – ein Impfstoff ist trotz intensiver Forschung noch nicht in Sicht.

Kontakt zu Kamelen vermeiden

Kaum eine Tierart ist im Nahen und Mittleren Osten derart bedeutend wie Kamele; als Fleischlieferant ebenso wie als Arbeitskraft, Fortbewegungsmittel und Statussymbol. Kamele sind das Wahrzeichen der arabischen Wüste. Und dennoch: Derzeit sieht es so aus, als wäre die beste MERS-Prophylaxe die Vermeidung jeglichen Kontakts zu Kamelen. Wo es sich nicht vermeiden lässt, sollten Handschuhe und Mundschutz getragen werden. Milch und Fleisch der imposanten Tiere sollten in jedem Falle ausreichend erhitzt werden.

Weitere prophylaktische Maßnahmen gegen MERS:

  • Jeglichen engen Körperkontakt mit Infizierten vermeiden.
  • Schleimhäute (Auge, Nase, Mund, Genitalien) nicht mit ungewaschenen Händen berühreren.
  • Gründliches Desinfizieren und Waschen der Hände (MERS lässt sich als Hüllvirus bereits durch handelsübliche Seife zerstören).
  • Oberflächen regelmäßig desinfizieren und reinigen.

Die Regierung Saudi-Arabiens hat inzwischen die Anweisung erteilt, Verdachtsfälle bei Kamelen umgehend zu melden.  


© medizin.de 2014 (Gunnar Römer)

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