Reizdarm - Reizkolon, Colon irritabile

reizdarm-colon irritabile

Reizdarm bzw. Reizdarmsyndrom (Colon irritabile) als Kombination verschiedener Symptome gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Verdauungstrakts – Schätzungen reichen von 5 bis zu 15 Millionen Betroffenen in Deutschland. Typisch für diese sog. funktionellen Darmstörungen sind teilweise schwere, die Patienten belastende Symptome – krampfartige, stechende Bauchschmerzen, Blähbauch; Durchfall und/oder Verstopfung – ohne fassbare organische Veränderungen.

„Ihnen fehlt doch nichts – organisch ist alles in Ordnung“ – viele Patienten sehen sich nach oft langwierigen Untersuchungen mit dieser „Diagnose“ konfrontiert, die Angst, es könnte doch etwas Ernstes sein, und die Beschwerden bleiben.

Bevor die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ gestellt wird, müssen andere, organische Erkrankungen ausgeschlossen werden, da verschiedene Ursachen oft ähnliche Symptome zeigen. Nach einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch (der sog. Anamnese) und einer eingehenden körperlichen Untersuchung wird der Stuhl auf Blut und Krankheitserreger untersucht. Blutuntersuchungen und eine Sonografie (Ultraschalluntersuchung) der Bauchorgane geben Aufschluss über organische Veränderungen. Zum Ausschluss bösartiger oder entzündlicher Erkrankungen sollte auf jeden Fall eine Darmspiegelung erfolgen.

Worauf beruht letztendlich die Diagnose „Reizdarm“ (Reizdarmsyndrom), nachdem keine organischen Ursachen festgestellt werden konnten? Auf 2 Konferenzen in Rom (deshalb Rom-Kriterien) haben sich Fachärzte auf eine Liste von Anzeichen geeinigt, die für Reizdarmsyndrom typisch sind:

 

Reizdarm? – Check-up

Haben Sie Bauchschmerzen oder Beschwerden, die

  • nach dem Stuhlgang besser werden
  • mit Veränderungen der Häufigkeit und /oder der Form des Stuhlgangs (Durchfall/Verstopfung) einhergehen  

Zwei oder mehr der folgenden Beschwerden (als Begleitsymptome) an mind. 12 Wochen im Jahr

  • Aufgeblähter Bauch mit teils stechenden Schmerzen
  • Veränderte Häufigkeit des Stuhlgangs (mehr als 3 x / Tag oder weniger als 3 x / Woche)
  • Veränderte Stuhlform (wässrig oder sehr hart)
  • Veränderte Stuhlgewohnheiten (Zwang zum Pressen, starker Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung
  • Schleimabgang
  • Antibiotika-Therapie (auch länger zurückliegend)

(3 oder mehr der o.g. Symptome können auf einen Reizdarm hindeuten)

Treten Symptome wie Schmerzen, Veränderungen in der Häufigkeit des Stuhlgangs oder Beschwerden beim Stuhlgang entweder andauernd oder regelmäßig in gewissen Zeitabständen auf, so liegt ein Reizdarmsyndrom nahe.

Weitere Anhaltspunkte sind eine Besserung der Beschwerden bei längerer Entspannung (z.B. im Urlaub) und eine Verschlechterung unter Stress.

Interessanterweise können sich nach einer Darmspiegelung die Beschwerden wochenlang bessern, da bei der Untersuchung oft Verkrampfungen gelöst werden und der Darm in sich gedehnt und entspannt wird. Steht die Diagnose „Reizdarm“ fest, sollten eingreifende Untersuchungen nicht ständig wiederholt, sondern nur in mehrjährigem Abstand zur Vorsorge durchgeführt werden. Solange keine weiteren Symptome dazukommen, die den Verdacht auf eine organische Ursache geben, besteht kein Grund zur Besorgnis, wichtig ist dann vielmehr die Betroffenen von ihren Beschwerden zu befreien.

Was sind die Ursachen des Reizdarmsyndroms?

Verschiedene Faktoren können bei der Entstehung eine Rolle spielen, eine eindeutige Ursache gibt es nicht.

-> Bei Patienten mit Reizdarm ist die Schmerzempfindlichkeit des Darms und der umgebenden Schleimhäute erhöht, darüber hinaus scheint die Schmerzverarbeitung im Gehirn und Rückenmark verändert zu sein, mit der Folge, dass viel geringere Schmerzreize ausreichen, schwere Beschwerden hervorzuru fen, oft genügt schon ein enger Hosenknopf oder einschneidender Rockbund, dass der in Alarm befindlichen Darm schmerzhaft reagiert. Die „Schmerzschwelle“ liegt einfach niedriger.

-> Stress oder seelische Belastungen können diese Empfindlichkeit erhöhen. Serotonin, ein Botenstoff, der zu 90 % im Darm gebildet wird und für die Schmerzweiterleitung zuständig ist: beim Reizdarmpatienten befindet sich dieses System fast dauernd im Alarmzustand.

-> Die Beweglichkeit des Darms ist beim Reizdarmsyndrom verändert. Normalerweise führt eine immer wiederkehrende Bewegung (Peristaltik) vom Dünn- zum Dickdarm zu einem Vorwärtstransport des Speisebreis. Beim Reizdarmpatienten ist oft nur eine kurz andauernde, rasch aufeinander folgende Bewegung feststellbar, der Darminhalt rauscht entweder zu schnell durch (Durchfall) oder er bleibt schwer wie Blei liegen (Verstopfung).

-> Nahrungsmittelunverträglichkeiten – z.B. die Unverträglichkeit von Milchzucker (Lactose) oder dem Süßstoff Sorbit und die Nebenwirkung von Medikamenten. Schmerzmittel, Antidepressiva und Blutdrucksenkende Medikamente können eine Verstopfung verursachen, während andere Arzneimittel wie u.a. Antibiotika direkt abführend wirken.

-> Patienten mit Infektionen und die mit Antibiotika behandelt wurden (teilweise auch nach länger zurückliegender Antibiotikaeinnahme) haben ein dreimal höheres Risiko ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln – manchmal erst Monate und Jahre später. Die Antibiotika unterscheiden nicht nach guten und schlechten Darmbewohnern, sie schädigen auch die „friedliche“, nützliche „Wohngemeinschaft“ – Fehlbesiedlung mit schädlichen Fremdkeimen sind die unangenehme Folge.

Welchen Einfluss hat die Darmflora?

Schon früh in unserem Leben – etwa gegen Ende des 2. Lebensjahres - stellt sich ein Gleichgewicht zwischen den Darmbewohnern ein. Gute und schlechte Einflüsse prägen damit das ganze spätere Leben, entscheiden, ob wir ein David oder Goliath in Sachen Verdauung sein werden. Im Darm eines Erwachsenen leben etwa 100 Billionen (100 000 000 000 000!) Mikroorganismen (Darmbakterien), bis zu 500 verschiedene Arten, 10-mal mehr als wir Körperzellen besitzen, in friedlicher Koexistenz zusammen – sie vertragen sich miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Besonders Escherichia-coli-Bakterien, die bereits den Säuglingsdarm besiedeln, schaffen die richtigen Lebensbedingungen im Darm. Ballaststoffe beispielsweise können von den körpereigenen Verdauungsenzymen nicht abgebaut werden, erst im Dickdarm mit Hilfe der dort vorhanden Darmflora werden die Ballaststoffe aufgespalten – Abbauprodukte, die für die Ernährung, Durchblutung und Schutz der Dickdarmschleimhaut von ausschlaggebender Bedeutung sind.

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Abb. 1 Mikrokosmos Darm – die Abwehrlinien sind störanfällig

Diese „Wohngemeinschaften“ – die Darmflora – sind bis zum mittleren Lebensalter normalerweise ohne Einwirkung von außen stabil. Erst im Alter kommt es zu einer Veränderung der Zusammensetzung der Keime. Leider vertreiben wir die guten Darmbewohner schon früher durch eine Reihe von negativen Einflüssen – unser moderner Lebensstil, fehlende Ballaststoffe, Stress – gefährden die Existenz einzelner Bakterienarten und die friedliche Koexistenz. Dann erobern die krank machenden „Durchreisenden“ das Terrain, die Fehlbesiedelung des Darms ist vorprogrammiert: mit weit reichenden Folgen für die Verdauung, die körpereigene Abwehr und die Stoffwechselleistungen des Darms. Chronisch geworden mündet eine solche aus dem Gleichgewicht geratene Darmflora in Folgebeschwerden wie Verstopfung, Infektionen mit Durchfall, Entzündungen, Allergien, Abwehrschwäche, Pilzbefall und das Reizdarmsyndrom.

Was hilft beim Reizdarm?

Viele Patienten fühlen sich mit der Diagnose „Reizdarm“ allein gelassen – doch es gibt Hilfe: eine gute Lebensführung und probiotische Keime bringen den Darm wieder ins Gleichgewicht und beruhigen den gereizten Bauch.

Wer unter Reizdarm leidet, sollte auf eine „darmfreundliche“ Kost mit Sauermilch-produkten, Gemüse, Obst und ausreichende Ballaststoffe achten. Fettreiche, blähen-de Speisen (z.B. Hülsenfrüchte), scharfe Gewürze, kohlensäurehaltige Getränke, Alkohol und Weißmehlprodukte sollten eher selten auf dem Speiseplan stehen. Das Gleiche gilt für Süßigkeiten. Jeder sollte seine persönlichen „Reizauslöser“ ausfindig machen!

Hilfreich kann regelmäßiger, maßvoller Sport (z.B. Fahrradfahren, Schwimmen, Walking), „Auszeiten“ zur Entspannung und zum Abbau des „negativen“ Stresses (Yoga, Entspannungsübungen oder autogenes Training) sein. Jeder weiß am besten, was ihm beim „Auftanken“ hilft.

Probiotische Keime, Laktobazillen und Bifidusbakterien für den Dünndarm, E.coli Stamm Nissle 1917 für die Dickdarmflora helfen dem Darm wider ins Gleichgewicht zurück – ohne Nebenwirkungen. Eine Reihe von Untersuchungen (ganz aktuell Plassmann D & Schulte-Witte H, Therapie des Reizdarmsyndroms mit E.coli Stamm Nissle 1917 (EcN) – eine retrospektive Untersuchung, Med Klin 2007, 102, 888-892) zeigten bei Reizdarmpatienten, die unter Blähungen, Bauchschmerzen, Verstopfung und/ oder Durchfall litten, Verbesserungen durch die mehrwöchige Gabe der „guten“ Keime. Alle Symptome wurden signifikant verbessert bzw. normalisierten sich, u.a. bilden diese hilfreichen Darmbakterien beim Abbau von Kohlenhydraten (organische) Säuren, die wiederum den Wasserhaushalt und die Beschaffenheit des Stuhls beeinflussen können, ein niedriger pH-Wert durch Säuren vertreibt viele schädliche „ungebetene“ Keime. Die Therapie mit lebenden Bakterien ist kein neuer Therapieansatz – der Freiburger Hygieniker Prof. Alfred Nissle (1874-1965) berichtete bereits seit ca. 1920 über die erfolgreiche Behandlung verschiedener Darmerkrankungen, dazu gehörten die Symptome des Reizdarmsyndroms (Blähbauch, Durchfall und Verstopfung), Darminfektionen, Allergien und Entzündungen des Dickdarms. Den Keim, den er für diese Therapie einsetzte, war ein E.coli Stamm, den Prof. Nissle 1917 aus dem Stuhl eines Soldaten isoliert hatte, der im Gegensatz zu all seinen Kameraden gesund geblieben war und dem keine der vielen Darminfektionen etwas anhaben konnte. Das war die Geburtsstunde von E.coli Stamm Nissle 1917. Bis heute ist dieses probiotische Arzneimittel im Dienste der Darmgesundheit aktiv und stete Forschung erschließt immer neue Anwendungsgebiete.

In diesem Sinne bleiben und werden Sie gesund.

 

Quellen:

Henker J, Blokhin B, Bolbot J, et al. The probiotic E.coli Nissle 1917 stops acute diarrhoea in infants and toddlers. Eur Pediatr 2007;

Krammer HJ, Käniper H, Bünau R von, et al. Probiotische Azneimitteltherapie mit E.coli Stamm Nissle 1917 (EcN): Ergebnisse einer prospektiven Datenerhebung mit 3807 Patienten. Z Gastroenterol 2006, 44: 651-656;

Krammer HJ, Schlieger F, Härder H, et al. Probiotics as therapeutic agents in irritable bowel syndrome. Z Gastroenterol 2005, 43: 467-471;

Thompson WG, Longstreth GF, Drossman DA, et al. Functional bowel disorders and functional abdominal pain. Gut 1999; 45: Suppl 2: 43-47.

© 2007 medizin.de (zuletzt aktualisiert 02/2009)

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