Wenig sinnvoll: Melatonin, Procain, DHEA
In Meldungen wird DHEA gern als "die Mutter aller Hormone" bezeichnet. Ein neues Buch nennt es sogar ein "Superhormon." Im Internet wird es als "hormoneller Jungbrunnen" angepriesen. Krebs, AIDS, Alzheimer: all diese Erkrankung vermag es zu heilen, jedenfalls auf dem Papier.
Dehydroepiandrosteron, so die chemische Bezeichnung von der sich auch die Abkürzung ableitet, ist ein chemischer Verwandter von Testosteron und Estrogen. Es wird von den Nebennieren, die auf jeder Niere sitzen, aus Cholesterin hergestellt. Das "Wellnesshormon" soll sogar Fett verbrennen. Es wird entweder künstlich oder aus Nahrungsmitteln gewonnen und in Amerika als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Wer sich DHEA-Produkte beschafft, riskiert jedoch verunreinigte Präparate einzunehmen, die seiner Gesundheit schaden. Das Medikament ist in Deutschland nicht zugelassen und kann beim Mann statt mehr Kraft und Haarwuchs ganz Anderes bewirken. Die Männlichkeit des Mannes kann leiden.
Melatonin
Das Hormon Melatonin soll, wenn man einigen Artikeln in der Laienpresse Glauben schenken darf, wahre Wunder vollbringen. Es fängt, freie Radikale ab, hilft beim Schlafen, stärkt das Immunsystem und reduziert die Müdigkeit auf Langstreckenflügen. Wenn es Mäusen gegeben wird, leben sie längern. Auch als Antibabypille für den Mann (!) wurde es bereits getestet. Nebenwirkungen sind selten. Dennoch ist von einer Einnahme abzuraten, da man nie weiß, was noch so alles in den Tabletten oder Kapseln steckt. In Deutschland ist das Hormon nicht als Medikament zugelassen. Es kommt über Importe ins Land oder wird über das Internet bestellt. Melatonin ist sicherlich ein interessanter Stoff mit vielen medizinischen Möglichkeiten, das Altern aufhalten kann er jedoch nicht. Sinnvoll ist die Einnahme von Melatonin vermutlich vor einem Langstreckenflug. Es lindert den so genannten Jet lag, also die Beschwerden, die mit der Überschreiten der Zeitgrenze verbunden sind. Ganz neu sind Melatoninagonisten wie Agomelatin. Die Substanz ist als MASSA (Melatonin Agonist and Selektive Serotonin Antagonist) klassifiziert und zur Therapie gegen Depressionen seit Kurzem zugelassen.
Procain
Procain wurde in die geriatrische Therapie von A. Aslan bereits im Jahre 1949 eingeführt. Die lange Zeit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für diese Substanz keinen Wirksamkeitsnachweis gibt. Trotzdem ist das Mittel in zahlreichen Geriatrika enthalten. Ihnen ist sicherlich bekannt, dass das Hormon Insulin gespritzt wird. Eine Einnahme durch den Mund ist nicht möglich, da es im Magen zerstört werden würde. Beim Procain ist es ähnlich. Es wird bereits vor der Resorption im Darm in eine unwirksame Form gespalten. Tabletten oder Kapseln können somit nicht wirken. Sollte man es also per Spritze verabreichen? Das Bundesgesundheitsamt hat bereits 1987 darauf hingewiesen, dass Procain, wenn es gespritzt wird, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen und Schockzustände auslösen kann. Derartige Arzneimittel haben daher ein deutliches Risiko und keinen belegten Nutzen als Geriatrika. Bei der Einnahme dürften Risiko bzw. Nebenwirkungen gering sein, mangelnder Nutzen spricht aber ebenfalls gegen diese Therapie.
Smartdrugs: Ausblick in die Zukunft
Eine "Gedächtnispille" sei in greifbarer Nähe behauptete der Medizinnobelpreisträger Eric Kandel von der New Yorker Columbia University gegenüber dem Wissenschaftsmagazin New Scientist vor 10 Jahren. Maßgeblich beteiligt an der Langzeiterinnerung eines Menschen ist das Protein CREB. Kandel injizierte in die Nervenzelle einer Meeresschnecke Moleküle, die dieses Protein blockieren. Danach wurden keine Informationen mehr auf lange Zeit gespeichert. Mäusen, denen das Gen für das CREB-Protein fehlte, konnten sich nicht merken, wo ihr Futter steht. "MEM-1414" soll dafür sorgen, dass in der Zelle größere Mengen eines Stoffs namens cAMP herumschwimmen, der ein wichtiger zellulärer Botenstoff für die Aktivierung des CREB-Proteins ist. Dieser Wirkstoff hemmt das Enzym Phosphodiesterase, welches das cAMP normalerweise im Alter abbaut. Zumindest bei Tieren konnten altersbedingte Gedächtniseinschränkungen fast normalisiert werden. James McGaugh, Neurowissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Irvine, ist sich allerdings sicher: "Die großen Pharmaunternehmen erforschen solche Substanzen nicht nur zur Behandlung von Demenzerkrankungen, sondern auch im Hinblick auf ganz normale Menschen - dort wartet der Profit. Die Behandlung von Demenzerkrankungen liefert ihnen die medizinische Rechtfertigung.", so der Technology Review 10/2003.
MEM 1414 und MEM-1003
Die mit MEM-1414 verwandte Substanz MEM-1003 dämpft den Einstrom von Kalzium-Ionen in Nervenzellen, sodass diese empfindlicher auf eingehende Signale reagieren. Dies soll angeblich die im Alter verringerte Aktivität der Neuronen kompensieren. Was MEM-1003 wirklich kann, ist jedoch unklar, da es bislang lediglich an 185 Freiwilligen auf seine Sicherheit getestet wurde, und nicht auf die Wirkung.
CX516
CX-516 Garry Lynch von der University of California Irvine startete bereits in den 1980er Jahren sein Unternehmen Cortex Pharmaceuticals und brachte sich bald darauf selbst in die Schlagzeilen. Die von ihm entdeckter Substanz Ampakin CX-516 verhalf gesunden Senioren zwischen 65 und 73 Jahren binnen 75 Minuten zur gleichen Merkleistung, wie der von Studenten unter 30 Jahren, die als Kontrollgruppe dienten. Ohne CX-516 konnten sich die Alten aus einer Liste von zehn bedeutungslosen Silben nach fünf Minuten durchschnittlich nur noch an eine Silbe korrekt erinnern, mit dem Gedächtnisbooster waren es vier Silben.
Sicherlich stehen wir mit der Entwicklung legaler Smart Drugs noch am Anfang einer langen Entwicklung. Es eine Frage der Zeit, wann man Geist kaufen kann. Ob dies erstrebenswert und geistreich ist, erscheint fraglich?
(Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie, Redaktion medizin.de)
© medizin.de 2007 (zuletzt aktualisiert 02/2009)