Dauerwach nach Teetrunk

Grüne Teeblätter als Partydroge – der Mormonentee

Sie kommen einfach nicht zur Ruhe. Auch nach der durchgetanzten Nacht in der Disco ist bei den jungen Erwachsenen noch immer nicht an Schlaf zu denken. Ihre Hände zittern, auf der Stirn finden sich – trotz kalter Temperaturen – Schweißperlen. Ecstasy? Amphetamine? Aufputschtabletten? Nein: Eine Tasse Kräutertee. Genauer gesagt handelt es sich um eine uralte, chinesische Kräutermixtur. Obwohl der Name – Mormonentee – auf eine Herkunft aus Nordamerika schließen lässt, kommt dieses anregende Heißgetränk aus dem alten China. Dort ist der Trunk bereits seit tausenden von Jahren bekannt. Die Konsumenten erwarten sich von seinem Konsum eine Reihe von „positiven“ Wirkungen. So ging mal lange davon aus, dass der Mormonentee den Anteil an Körpermuskulatur zu erhöhen vermag – freilich ohne starkes körperliches Training. Gleichzeitig sollen unschöne Fettpölsterchen verschwinden. Sexuelle Unlust ist ein Fremdwort – gerade Frauen sollen nach dem Genuss einen blitzartigen Anstieg ihrer Libido verspüren. Doch was ist dran am Mythos des „Zaubertranks“ aus dem Reich der Mitte?

Aus was besteht der Mormonentee?

Grundlage für die Herstellung des Trunkes ist die strauchartigen Kletterpflanze Meerträubel. Ihr lateinischer Name Ephedra weist schon auf den Hauptwirkstoff des Tees, Ephedrin, hin. Im chinesischen Herkunftsgebiet der pflanzlichen Droge kommt das Gewächs insbesondere an der russisch-chinesischen Grenze am Ufer des Flusses Amur vor. Daneben existieren die Pflanzen im Vorderen Orient, im Mittelmeerraum inklusive Nordafrika, bis hin ins äußerste Westeuropa an der Atlantikküste Portugals. Weitere Verbreitungsgebiete sind Lateinamerika und die südlichen Teile der USA.

Woher kommt der Name Mormonentee?

Obwohl der Tee ursprünglich auf die chinesische Kultur zurückgeht, so wurde er auch sehr häufig und gerne von Mitgliedern der Mormonengemeinde in den USA konsumiert. Angehörige dieser Religion dürfen weder Alkohol, noch Kaffee und Schwarzen Tee trinken.

 

Wie wird der Mormonentee noch genannt?

Mormonentee ist der mit Abstand bekannteste Namen für die das anregende Gebräu. Dennoch existieren noch eine Reihe weiterer Synonyme:

* Mexikanischer Tee
* Brigham-Tee
* Herbal Dynamite
* Herbal Energizer
* Ma-Huang
* Herbal-XTC
* Meerträubel

Abnehmen leicht gemacht – der Mormonentee als natürlicher Fettburner?

Die gesellschaftlichen Anforderungen an jeden Einzelnen von uns steigen immer mehr an. Insbesondere die Berufswelt wird immer strenger in ihren Anforderungen an die Bewerber. Erwarten werden Attribute wie „möglichst jung“, gleichzeitig aber „im Idealfall bereits mit einigen Jahren Berufserfahrung“. Ein „mit hervorragenden Bewertungen abgeschlossenes Studium“ ist in vielen Sparten ebenso notwendig, wie ein möglichst attraktives Aussehen. Mit der Attraktivität ist freilich nicht nur ein gepflegtes Äußeres gemeint – dieses sollte in der Tat selbstverständlich sein. Nein, auch sollte der Bewerber über eine Topfigur und Ausstrahlung verfügen. Der etwas dicklichere Bewerber zieht gegenüber dem durchtrainierten Adonis oft den Kürzeren – manchmal sogar trotz besserer Leistungen. Schnelle Ausbildung, Berufserfahrung, der Gang ins Fitness-Studio – was liegt bei dieser Fülle an Erwartungen näher, als die natürlichen Leistungsgrenzen des Körpers durch spezielle Wirkstoffe – Smart Drugs wie den Mormonentee – zu verschieben. Die spezielle Mixtur des Mormonentees verspricht nicht nur einen Anstieg der körperlichen Leistungsfähigkeit; auch das Abnehmen soll gefördert werden. Zunächst einmal geschieht dies durch Steigerung der Stoffwechselrate des Körpers. Sämtliche Stoffwechselprozesse im Körper werden durch die Wirkstoffe im Mormonentee beschleunigt, sodass bereits im Ruhezustand wesentlich mehr Kalorien verbrannt werden. Es kommt insgesamt zu einer gesteigerten Verstoffwechselung von Kohlenhydraten und Fetten.

Der Effekt des Abnehmens wird unterstützt durch die hemmende Wirkung auf das Hungergefühl. Der genaue neuronale Mechanismus hierfür ist noch nicht genau geklärt – als sicher gilt jedoch, dass der Hauptwirkstoff des Mormonentee – Ephedrin – für diese Wirkung verantwortlich ist. Die Hemmung des Appetits von Ephedrin lässt sich durch gleichzeitige Aufnahme von Aspirin (Acetylsalicylsäure) noch verstärken. Der Hunger-stillende Effekt in Kombination mit der stimulierenden Wirkung auf den Stoffwechsel führt unweigerlich zu einer Gewichtsabnahme des Konsumenten. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass ohne entsprechendes körperliches Training der Anteil an Muskelmasse ebenfalls verringert wird. Keineswegs verfügt Mormonentee über die Fähigkeit, Muskelmasse aufzubauen, auch wenn dies lange vermutet wurde.

Die Wirkstoffe des Mormonentees

Der wichtigste Inhaltsstoff des beschriebenen Heißgetränkes ist das Ephedrin – ein Pflanzenalkaloid mit der Wirkung eines Sympathomimetikums. Das bedeutet es verstärkt die Wirkung des Sympathikus – u. a. durch Interaktion mit den entsprechenden Rezeptoren. Der Mormonentee besitzt noch eine Reihe weiterer Pflanzenalkaloide als Inhaltsstoffe. Diese sind allerdings in sehr geringer Konzentration vorhanden und ähneln von der Wirkung her im Prinzip dem Ephedrin.

 

Wie wirkt Ephedrin auf den menschlichen Organismus?

Grundsätzlich lassen sich bei dem Phenylethylamin-Alkaloid Ephedrin zwei grundlegende Wirkungsmechanismen feststellen. Zum einen wirkt es als hochpotentes Sympathomimetikum. Als solches besitzt das Alkaloid die Fähigkeit, sich an die entsprechenden Rezeptoren des Sympathikus zu heften, an die auch die körpereigenen Modulatoren Adrenalin und Noradrenalin binden. Durch die Bindung der Ephedrin-Moleküle an die Alpha- und Betarezeptoren werden somit sämtliche, durch den Sympathikus vermittelte Körperreaktionen verstärkt. Ephedrin besitzt außerdem eine wesentlich länger anhaltende Wirkung, als Adrenalin. Letzteres löst sich wesentlich früher von den Rezeptoren. Neben dieser sympathikomimetischen Wirkung des Pflanzenalkaloids stimuliert Ephedrin des Weiteren auch die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin. Deren Gehalt im Organismus steigt und die Sympathikuswirkung wird hierdurch weiter gesteigert. Ephedrin vermag also auf zweifache Weise, den Einfluss des Sympathikus auf die körperlichen Funktionen zu erhöhen. Ephedrin wird teilweise therapeutisch gegen Asthma bronchiale eingesetzt. Seine gefäßverengende Wirkung ist bei abschwellenden Nasentropfen gefragt und in der Augenheilkunde wird es als Ersatz für Atropin in der Diagnostik von Augenerkrankungen eingesetzt.

Was für körperliche Wirkungen entstehen durch den Konsum von Mormonentee?

Die stark anregende Wirkung auf den Sympathikus bringt eine ganze Reihe von körperlichen Erscheinungen mit sich. Zunächst einmal kommt es zu kardiovaskulären Symptomen wie Hypertonie, Tachykardie und u. U. Herzrhythmusstörungen im Sinne von supraventrikulären und ventrikulären Extrasystolen. Der Ruhepuls erhöht sich signifikant. Es kommt weiterhin zu mitunter sehr starken Schweißausbrüchen (Hyperhidrose) – unabhängig von der herrschenden Umgebungstemperatur. Die Körperkerntemperatur steigt um bist zu 1 °C an und der Konsument verspürt einen vermehrten Bewegungsdrang und beginnt zu Zittern. Angstzustände sind ebenso möglich, wie eine durch zu ausgiebigen Genuss des Mormonentees hervorgerufene Schlaflosigkeit. Weitere körperliche Symptome sind: Übelkeit, Kopfschmerzen, Krämpfe und Atemnot. Insgesamt ist die körperliche Leistungsfähigkeit vorübergehend deutlich erhöht und der Konsument steht extrem unter Tatendrang. Hinzu kommen Halluzinationen und eine signifikante Erhöhung der Aufmerksamkeit bezüglich Umgebungsreizen. Ephedrin ist außerdem dafür bekannt, dass es eine rasche Gewichtsabnahme beim Konsumenten bewirkt. Es führt, ähnlich dem Atropin, zu einer Erweiterung der Pupillen. Bleibt als weitere wichtige Wirkung des Tees die deutliche Steigerung der Libido bei beiden Geschlechtern zu nennen. Beim Mann führt der Konsum des Trunkes durch die starke Wirkung des Sympathikus auch gleichzeitig zu einer Vasokonstriktion der Gefäße des Penis. Damit ist eine Mehrdurchblutung der Schwellkörper erschwert und der Mann leidet – trotz erhöhter sexueller Lust – an einer vorübergehenden erektilen Dysfunktion. Ephedrin verfügt über ein hohes Suchtpotenzial.

Wie erfolgt die Aufnahme des Tees?

In den meisten Fällen wird Meerträubel in Form von Tee getrunken. Eine mittelgroße Tasse reicht aus, um eine deutlich spürbare Wirkung zu erzielen. Dabei ist es von „Vorteil“, wenn der Tee noch recht warm ist, da dies die Aufnahmegeschwindigkeit ins Blut erhöht. Die Wirkung hält etwa 3 Stunden an, sodass bei einer langen Feier etwa alle 2 – 3 Stunden erneut eine Tasse Mormonentee konsumiert werden kann. Ein niedriger pH-Wert ermöglicht eine verbesserte Lösung des Wirkstoffes, weswegen der Tee von manchen Konsumenten mit Zitronensaft versetzt wird. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, das getrocknete Pflanzensubstart vom Meerträubel in Form einer Zigarette zu rauchen. Hierzu kann es pur, oder mit Tabak versetzt inhaliert werden. Starker Hustenreiz und eine im Vergleich zum Tee schwächere Wirkung lassen diese Applikationsform eher selten vorkommen.

Wie wird Mormonentee vertrieben und ist die Beschaffung einfach bzw. legal?

Gibt man den Begriff Mormonentee bei einer Suchmaschine im Internet ein, so wird der Betrachter gewissermaßen mit Kaufangeboten überhäuft. Dabei reicht das Angebot von Saatgut, über ausgewachsene Exemplare des Meerträubels bis hin zu verbrauchsfertigem Pflanzenextrakt zur Herstellung von Mormonentee. Seit 2006 unterliegen Teemischungen mit Ephedrin der allgemeinen ärztlichen Verschreibungspflicht. Die Missbrauchrate ist sehr hoch.


Ist der Konsum von Mormonentee gefährlich?

Liegt keine ärztlich eindeutige Indikation (Narkolepsie, Schichtarbeiter-Syndrom, Asthma, o. ä.) vor, so ist von dem Genuss dringend abzuraten. Es handelt sich um ein pflanzliches Stimulans, das bei regelmäßigem Genuss zu körperlichen Schäden führen kann. Das Wirkungsspektrum ist, wie weiter oben erklärt, sehr umfangreich und birgt u. a. die Gefahr einer raschen Suchtentwicklung. Die psychologischen Folgen können langfristig dahin führen, dass der Konsument sich ohne den Mormonentee nur noch abgeschlagen, traurig und apathisch führt. Organische Schäden sind durch die ständig erhöhte Stoffwechselrate zu erklären. So führt ein ständig überhöhter Blutdruck und Puls zu Schäden am Herzen und an den Gefäßen. Auch wenn es sich hierbei nicht um eine synthetische Droge handelt (wie Methylamphetamin oder Ecstasy), so ist es dennoch eine pharmakologisch wirksame Substanz, die als gefährliche Droge missbraucht werden kann.

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)