Smart-Drugs: Tuning für Körper und Geist

Smart-Drugs

Modafinil - natürlich wach - "Viagra fürs Hirn"

Schlank, kreativ, intelligent, erfolgreich? Wer wünscht sich nicht, diese Eigenschaften zu besitzen? So ist es nicht verwunderlich, dass der Absatz von Substanzen, die genau das versprechen, boomt. Die so genannten Smart Drugs sind Chemikalien, Pflanzen oder Medikamente, die die geistige und körperliche Fitness steigern sollen. Oft halten sie nicht, was der Hersteller mit viel Werbelyrik verspricht und bringen den Konsumenten nicht auf den Olymp des Erfolges sondern auf die Intensivstation einer Klinik Die Frage, wo das Nahrungsergänzungsmittel aufhört und die smarte Droge beginnt, ist nicht leicht zu beantworten.

Coffein und der (unwirksame) Stierhodenextrakt Taurin in der Brause die nach Gummibärchen schmeckt und Flügel verleiht trifft auf jeden Fall den Zeitgeist. Wer es gern etwas heftiger hätte, wird im Internet fündig.
Die Zahl der US-Amerikaner, die Medikamente als Drogen missbrauchen, hat sich seit Anfang der 90er-Jahre verdoppelt. Das US-National Center on Addiction and Substance Abuse (CASA) schätzt die Zahl der Bürger, die Arzneimittel als Drogenersatz zweckentfremden, auf 15 Millionen. Bei Teenagern haben sich die Zahlen sogar verdreifacht. Besonders verschreibungspflichtige Opioide, Beruhigungsmittel oder ZNS-Stimulanzien werden missbraucht. Zwischen 1992 und 2003 stieg der Missbrauch von Medikamenten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten doppelt so schnell wie der Konsum von Marihuana, fünfmal so schnell wie der Missbrauch von Kokain und 60 Mal so schnell wie der Heroinkonsum. Die Zahl derer, die Arzneimittel als Drogen missbraucht, ist größer, als die Zahl der Konsumenten von Kokain, Halluzinogenen, "Schnüffeldrogen" und Heroin zusammen.

Für Deutschland liegt derartig exaktes Datenmaterial nicht vor. Das bedeutet nicht, dass das Problem bei uns nicht existiert. 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Arzneimitteln. In dieser Statistik tauchen jedoch nur Patienten auf, die dem Arzt bekannt sind. Diese Gruppe besteht zu einem Großteil aus Benzodiazepinabhängigen. Insbesondere Jugendliche, die sonst versuchen, der Realität mit Alcopops, Hasch und Ecstasy zu entfliehen, finden Gefallen im Ausprobieren von Medikamenten als Ersatzdrogen.

Im (fast) rechtsfreien Raum der Internetforen tauschen sie Erfahrungen aus, geben Tipps und prahlen mit Tripberichten. Selten wird der Missbrauch als Drogenkonsum betrachtet, da die Anwendung meist nicht invasiv, also oral, erfolgt. Die "erprobten Konsumenten" schrecken jedoch auch vor der parenteralen Gabe mit Spritze und Kanüle nicht zurück. "Jugend-forscht" der besonderen Art.

Modafinil: natürlich wach

Ein Vigil - ein wachendes Gebet am Beginn des Tages (lat. vigilare = wachen). Ihren Ursprung hat die Vigil in der Feier der Osternacht. Auf den Weckruf des Invitatoriums folgen Psalmen, die in karger Weise rezitiert werden. Dies ist eine mögliche Definition für VIGIL. Unter demselben Namen wird jedoch ein Arzneimittel vertrieben, was geistige Klarheit und Wachheit verspricht. Zugelassen ist das in Deutschland als Betäubungsmittel eingestuftes Arzneimittel u.a. zur Therapie der Schlafkrankheit. Einige leistungsorientierte und gut betuchte Manager und Börsenmakler entdecken die Substanz als "Viagra fürs Hirn".

Was ist drin?

Eine Tablette enthält 100 mg Modafinil (2-Diphenyl- methylsulfinyl-acetamid)

Szenenamen?

Die internationalen Handelsnamen lauten: Provigil® (USA, Großbritannien und Italien) Alertec® (Kanada) Modavigil® (Australien und Neuseeland) Modasomil® (Österreich und Schweiz) Modiodal® (Frankreich, Spanien und Skandinavien). Vigil ® (Deutschland)

Wie wird konsumiert?

Die Tabletten werden mit Flüssigkeit eingenommen. Andere missbräuchliche Applikationswege sind derzeit nicht dokumentiert. Was wird empfunden Wach sein liegt im Trend. Die Zielgruppe von Modafinil sind jedoch nicht Anwender die eine Alternative zu Ecstasy oder Cocain suchen. Vielmehr wird die leistungssteigernde Wirkung von Sportlern als Dopingmittel geschätzt.

Doppelweltmeisterin Kelli White aus den USA gab nach einer positiven Urin-Probe zu, Modafinil seit Monaten eingenommen zu haben. Auch gut verdienende Manager schwingen sich damit zu ungeahnten Leistungshöhen auf. Der Preis bestimmt die Zielgruppe. Eine Monatspackung kostet fast 400 Dollar, die Schwarzmarktpreise liegen deutlich darüber. "Die Entwicklung neuer Waffen und die Möglichkeit, Tag und Nacht zu kämpfen, hat die Vorstellung von militärischem Vorgehen verändert: Aus den auf den Tag beschränkten Einsätzen sind kontinuierliche Operationen geworden." So beginnt ein Aufsatz, der im Journal of Sleep Research veröffentlicht wurde. Darin wird die geistige Leistungsfähigkeit von 41 freiwilligen Testteilnehmern des kanadischen Militärs untersucht, die unter völligem Schlafentzug drei Tage und zwei Nächte ununterbrochen Dienst taten. Reaktionszeit, Kurzzeitgedächtnis und Stimmung des Konsumenten besserten sich in der Studie deutlich.

Im Gegensatz zu den USA ist Modafinil in Deutschland als Betäubungsmittel eingestuft. Im Internet sind diese reglementierenden Vorschriften jedoch ein Fremdwort. Ein Mausklick genügt, und unter dem Namen BrainQuicken oder Attentive Child wird Modafinil nach Hause geliefert. Vom Postboten: bequem, schnell, illegal. Eine "Straßendroge" wird der Wachmacher vermutlich nicht werden. Der Preis ist zu hoch, es fehlt der Kick beim Anfluten und der Wirkungseintritt lässt lange auf sich warten. Die Toxizität ist gering, die sozialen Folgen, die die Substanz auf Manager, Schichtarbeiter und Soldaten haben könnte, sind noch nicht vorhersehbar. Die "Zeit des Erwachens" hat erst begonnen, eine Weiterentwicklung von Modafinil befindet sich bereits in der Forschungspipeline.

Wie wirkt es?

In Deutschland hat Modafinil die arzneimittelrechtliche Zulassung zur symptomatischen Behandlung - der Narkolepsie mit und ohne Kataplexie, - des mittelschweren bis schwer chronischen Schichtarbeiter-Syndroms mit exzessiver Schläfrigkeit - bei Patienten mit Nachschicht-Wechsel, wenn andere Schlafhygienische Maßnahmen zu keiner zufrieden stellenden Besserung geführt haben. - Behandlung der exzessiven Tagesschläfrigkeit bei Patienten mit obstruktivem Schlafapnoe/Hypopnoe-Syndrom (OSA/HS) Anders als die Amphetamine agiert Modafinil nicht im Noradrenalin, Serotonin- oder Dopaminsystem. Sie hemmt die Freisetzung der Substanzen, die uns müde machen: GABA. Eine hemmende Wirkung im Histaminsystem wird ebenfalls angenommen. Die Substanz normalisiert die Schlaf-Wach-Balance, ohne dass es zu einer zentralen Erregung kommt. Drei Tage ohne Schlaf, ohne hang-over. Der Hersteller Cephalon ist nicht ganz unschuldig am Missbrauch seiner Substanz. Er wurde von der US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel (FDA) wegen seiner aggressiven und irreführenden Werbekampagne gerügt. Mit Sätzen wie "Wenn Patienten über Schläfrigkeit klagen" oder "Wenn Patienten über einen Mangel an Energie klagen" wurden Ärzte darin zum Ausstellen des richtigen Rezeptes aufgefordert. Die eigentliche Indikation Narkolepsie wurde nur klein gedruckt erwähnt. Das bemängelte die FDA und ordnete eine Rücknahme des Werbematerials an. Klinische Studien bestätigen, dass Modafinil auch als unterstützende Behandlung die Müdigkeit von Patienten mit Multipler Sklerose und die Antriebsschwäche von depressiven Menschen lindert. Gibt man ADHS-Kindern täglich eine Dosis von 300 Milligramm Modafinil, so bessern sich die Symptome der Krankheit merklich.

Wie gefährlich ist es?

Die Giftigkeit von Modafinil ist vermutlich gering. Die größte Gefahr geht von der soziologischen und psychologischen Veränderung aus. Es ist bis jetzt zu wenig untersucht, ob und wie die Gesundheit des Konsumenten leidet, wenn er langfristig ein Pharmakon zur Schlafunterdrückung einnimmt.

Was kann passieren?

Sehr häufig kommt es zu Kopfschmerzen, häufig zu Brustschmerz, Übelkeit, Mundtrockenheit, Verwirrtheit und Denkstörungen. Gefahren/Symptome bei Überdosierung:

  • Zittern, Unruhe
  • leichte Erhöhung der Körpertemperatur
  • Tachykarde Herzrhythmusstörungen
  • Hypertonie
  • Erweiterung der Pupillen
  • Gewichtsverlust
  • psychische Abhängigkeit
  • Ausführen von sinnlosen, ständig wiederholten Tätigkeiten
  • aggressives Verhalten
  • akustische Halluzinationen
  • Wahnvorstellungen

Ist es legal?

Modafinil war in Deutschland bis 1.7.2008 als Betäubungsmittel eingestuft. Seither unterliegt es wie in anderen europäischen Ländern einer normalen Verschreibungspflicht. In den USA unterliegt Modafinil einer Verschreibungspflicht nach einem abgestuften System, das der deutschen Betäubungsmittelverschreibung entspricht. Es wird dort in die niedrigste Kategorie (Schedule) C IV eingestuft. Im Sport gilt Modafinil als verbotene Dopingsubstanz. Inzwischen wurden auch Dopingfälle bekannt. Ein prominenter Fall ist die US-Leichtathletin und Sprint-Weltmeisterin Kelli White. (Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie, medizin.de)

© medizin.de 2007 (zuletzt aktualisiert 01/2010)

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