Schneuzen ist out, tupfen ist in
Neue Erkenntnisse könnten das übliche "Schnupfverhalten" revolutionieren. Computertomographisch wurde der Weg von kontrastmittel-gefärbtem Schleim beim Schneuzen verfolgt. Bei jedem Schneuzen, das tut der Schnupfengeplagte etwa 45 mal am Tag, katapultiert er etwa einen Milliliter Sekret in die Nebenhöhlen. Beim Schneuzen ist der Druck mehr als 10 mal so hoch wie beim Niesen oder Husten. Das Sekret ist voller Viren und Bakterien, die in den Nebenhöhlen deponiert werden und sich dort richtig wohl fühlen. Deshalb ist vorsichtiges Abputzen oder Tupfen der Nase sinnvoller. Die Empfehlung aus der Studie relativiert vorherige Lehrmeinungen: Beim Schnupfen sollte so früh wie möglich die Sekretion der Nasenschleimhaut gehemmt werden. Dies kann mit Arzneimitteln zum Schlucken oder mit Nasentropfen oder –sprays erfolgen.
Zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten spielt neben der Luftbefeuchtung in Räumen und ausgiebiger Händehygiene die Einnahme von Substanzen eine Rolle, die das Immunsystem ankurbeln. Diese sind entweder pflanzlichen Ursprungs oder enthalten beispielsweise Zink.
Präparate, die die körpereigene Abwehr unabhängig von der Art der Erreger steigern sollen, wirken "paraimmunisierend". Diese Form der Immunisierung ist nicht erregerspezifisch und führt zu einem schnellen, dafür aber nur kurz andauernden Schutz. Die allgemeine Abwehrbereitschaft des Körpers soll aktiviert und gesteigert werden. Vermutlich wird die Bildung von weißen Blutkörperchen (Granulozyten und Makrophagen) aktiviert, ihr "Erregerhunger" gesteigert und mehr Botenstoffe (Interferone, Interleukin 2) produziert.
Unterschiedliche Pflanzen stehen als Immunmodulatoren zur Verfügung:
- Kapland-Pelargonie (Umckaloabo)
- Sonnenhut (Echinacea purpurea)
- Wilder Indigo (Baptisia tinctoria)
- Lebensbaum (Thuja Occidentalis)
- Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus)
Umckaloabo
Der Name »Umckaloabo« stammt aus der Zulu-Sprache und beschreibt die Beschwerden einer Atemwegserkrankung. Er setzt sich zusammen aus »umKhulane« (schwerer Husten) und »uHlabo« (schneidender Schmerz in der Brust).
Postulierte Wirkungen:
- Protektion der Schleimhautzellen
- Verminderung der Haftfähigkeit der Erreger
- Mobilisation von Immunzellen
- direkt antibakterielle Wirkung
- wirkt gegen Viren
- schleimlösend
Frustrierend ist die Beurteilung namhafter Arzneiforscher: "Pelargonium-Extrakt wirkt schwach antibakteriell. Er gilt allerdings für diesen Effekt in UMCKALOABO als "mindestens 1000fach unterdosiert" (SCHWABE, U. in SCHWABE, U., PAFFRATH, D. (Hrsg.): "Arzneiverordnungs-Report 2002", Springer, Berlin 2002, Seite 153-4).
Diesen Meinungen stehen zahlreiche positive Erfahrungsberichte und Anwendungsbeobachtungen gegenüber. Es ist zu hoffen, dass diese durch evidenzbasierte Studien bald Unterstützung erfahren.
Sonnenhut
Der "Klassiker" der pflanzlichen Immunstimulantien ist der Sonnenhut. Neben vielen Erfahrungsberichten existieren auch pharmakologische Untersuchungen und klinische Prüfungen, die die Wirksamkeit des Presssaftes in seinen Zubereitungen belegen. Die Präparate der unterschiedlichen Hersteller sind sehr heterogen zusammengesetzt und somit auch schlecht vergleich- und beurteilbar. Der Gehalt des Wirkträgers in der Pflanze hängt unter anderem von der Vegetationsperiode ab. Die Verbindung ist relativ. Findet nach der Ernte ein Waschen mit heißem Wasser statt und enthält der Presssaft Ethanol, wird der Abbau verlangsamt. Es ist noch nicht zweifelsfrei geklärt, welche Verbindung zur immunmodulierenden Wirkung beiträgt.
Zink als Virenkiller
Zink ist aber nicht gleich Zink. Damit es wirken kann, ist die richtige chemische Verbindung und die Art der Einnahme wichtig.
Zinkionen wirken auf sehr unterschiedlichem Wege gegen Erkältungssymptome.
- Reduktion der lokalen Entzündungsreaktion
- Förderung der Replikation von T-Zellen
- Steigerung der Interferonproduktion
- Hemmung der Sekretbildung
- Hemmung der Replikation von Rhinoviren
Gerade bei der banalen Erkältung platzen Mastzellen, überschwemmen den Körper mit allergenem Histamin und lösen die typische Schnupfensymptomatik aus. Zink verhindert die Bindung der Rhinoviren an die Schleimhautzellen. Die Viren können so nicht mehr in die Zellen eindringen und sich weiter ausbreiten.
Lutschen ist besser als Schlucken
Damit Zink wirken kann, sind die Wertigkeit, die Salzform, der pH-Wert der Zubereitung und die Art der Einnahme wichtig. Am besten wirkt das Spurenelement, wenn es als Lutschtablette oder Gurgellösung verabreicht wird; geschluckt sind Tabletten weniger wirksam. Zinksalze haben allerdings den Nachteil, dass sie bitter schmecken. Versucht man, den Geschmack mit Zinkgluconatverbindungen zu verbessern, leidet die Bioverfügbarkeit erheblich: es kommen weniger Zinkteilchen dahin wo sie sollen. Die beste Wirksamkeit hat gelutschtes Zinkacetat. Leider sind derartige Zubereitungen in Deutschland (noch) nicht verfügbar. In den USA gibt es derartige Mittel in zahlreichen Geschmacksrichtungen. Wichtig ist, dass man mit der Zinkbehandlung innerhalb von 24 Stunden beginnt, nachdem die ersten typischen Anzeichen einer Erkältung auftauchen. Pro Tag sollten, auf mehrere Einzeldosen verteilt, etwa 15 mg Zink gelutscht werden. Sinnvoll ist auch das Gurgeln mit einer "abgestandene" Lösung einer Brausetablette. Wenn Zink oral gegeben werden soll, so ist das auch in Deutschland erhältliche Zinkhistidin am besten wirksam. Im allgemeinen sind Zinkpräparate gut verträglich. Selten kann es zu leichten Magen-Darm-Beschwerden oder Geschmackstörungen kommen. Aber bei einer Erkältung kann man den Geschmack von gebrannten Mandeln ja sowieso nicht so genießen.
Was hilft wirklich?
Ist die Erkältung da, kann man die Beschwerden lindern. Je nach der Phase werden entweder die Kopf-, Hals- oder Gliederschmerzen als dominierend empfunden. Geht es dem "Ende" zu (der Erkältung!!), plagt der Husten.
So wenig wie möglich Anstrengen, so oft wie möglich trinken, dies sind die besten Tipps. Acetylsalicylsäure und Ibuprofen helfen gegen die lästigen Kopf- und Gliederschmerzen. Ibuprofenlutschtabletten helfen auch bei hartnäckigen Halsschmerzen. Der Wirkstoff Pseudoephedrin hemmt die Nasensekretion und lässt die Gefäße abschwellen. Der bisherige Marktführer der Mittel zur Hustendämpfung, das Clobutinol, ist seit September 2007 wegen Herzrhythmusstörungen vom Markt genommen worden. Als chemische Alternativen kommen Pentoxyverin oder Dextromethorphan in Frage.
Ein "Wundermittel" das alle Beschwerden gleichermaßen lindert, kann es - trotz vollmundiger Werbeaussagen - nicht geben. Die Erkältung ist so individuell wie sein Besitzer.
Eines hilft garantiert: Taschentücher! Denken Sie aber daran, nicht schneuzen, nur abputzen.
(Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie) © medizin.de 2007 (zuletzt aktualisiert 02/2009)
Quellen:
- Gessner, U., Petersen-Braun, M.: Bewährt gegen Halsschmerzen, Schnupfen und erkältungsbedingte Schmerzen, Pharmazeutische Zeitung 38 (2005)
- Grün, von der D, Guth B, Koenen-Bergmann: Expert statement on the non-clinical and clinical evaluation of the potential for delayed ventricular repolarization (QT intervall prolongation) by clobutinol. Boehringer Ingelheim 2007
- Seifart, C.: Banale Atemwegsinfekte symptomatisch behandeln, Pharmazeutische Zeitung, 42 (2007)