Vaterschaftstest: 200% Gewissheit der Vaterschaft

In Deutschland trifft diese Konstellation auf bis zu 800.000 Menschen insgesamt zu - jährlich kommen 35.000 bis 70.000 neugeborene Kinder dazu. Die Kosten für ein Vatertes-Gutachten sind erschwinglich.

Ein Männertraum wird wahr

Der Satz der alten Römer "pater semper incertus, mater certa" ("Der Vater ist immer unsicher, die Mutter sicher") gilt seit einigen Jahren nicht mehr durch den so genannten Vaterschaftstest, der Molekularbiologie sei gedankt. Jahrtausende lebten Männer hilflos mit der Vermutung, das angebliche Kind sei gar nicht ihres. Wissentlich oder nicht, mit böser Absicht oder nicht, konnte ihnen ein Kind "untergeschoben" werden sein ? und oft wusste es auch die Mutter nicht, wer der "echte" Vater ihres Kindes ist. Folgen sind oft ein undankbares Kind - Studium finanziert und Unterhaltszahlungen an einen "Fremdling", dessen Mutter sich den "weiblichen Masterplan" verwirklichte, um sich per Kind finanziell abzusichern.

DNA-Test, der Bedarf ist da

Wie häufig eine falsche Vaterschaft in vergangenen Zeiten und Kulturen auch immer war, es lässt sich heute nicht mehr klären und ist auch unerheblich. Ziemlich übereinstimmend gehen alle Experten aber davon aus, dass in Westeuropa einschließlich den USA heute 5 bis 10% aller Kinder mit dem vermeintlichen, aber nicht wirklichen, Vater leben. Das bedeutet, in Deutschland trifft diese Konstellation bis zu 800.000 Menschen insgesamt; jährlich kommen 35.000 bis 70.000 neugeborene Kinder dazu.

Kommerzieller Verwandschaftstest und die Kosten

Seit ungefähr zwei bis drei Jahren ist nun Gewissheit zur Verwandschaft möglich, sie verursacht im Preis des Gutachtens mittlerweile Kosten zwischen 230 (billig) und 500 Euro (noch günstig) und nennt sich Vaterschaftstest. Mit stark steigender Tendenz wurden in Deutschland im Jahr 2001 nach Hochrechnungen 5.350 durchgeführt, in Österreich 950 und in der Schweiz 1.130. Im Internet bieten viele Labors ihren Service an, auch in der Apotheke kann "mann" (und "frau" natürlich auch) sich beraten lassen. Das Ergebnis kommt nach einer Woche auf Wunsch im neutralen Umschlag an eine beliebige Adresse, lässt sich also zum Beispiel an den Arbeitsplatz schicken.

Gutachten bei Anfechtung der Vaterschaft

Die genannten Zahlen beziehen sich auf den privaten Test aus persönlicher Initiative, dafür hat sich der Begriff Vaterschaftstest eingebürgert. Es ist zu beachten, dass ein solcher Test und sein Ergebnis nur selten vor Gericht als Beweis anerkannt wird. Allerdings wird damit die Chance auf ein gerichtlich angeordnetes Vaterschaftsgutachten deutlich erhöht. Dabei passiert unter hoheitlicher Kontrolle der Identität der beteiligten Personen im Prinzip das gleiche wie vorher. Die Zahl der jährlich durchgeführten Gutachten liegt etwas über denen der Tests. Juristische Fragen zur Anerkennung der Vaterschaft oder dessen Anfechtung Noch nicht abschließend unter Juristen ist geklärt, ob ein heimlicher Test ohne Wissen oder Einverständnis einer der beteiligten Personen zulässig oder verwertbar ist. Darf ein Vater hinter dem Rücken der Mutter das Material besorgen oder umgekehrt? Und wie steht es um das meist nicht volljährige Kind? Ein rechtskräftiges Urteil des Landgerichts München I (Az. 17HK O 344/03) bestätigt, dass es "unverheirateten Männern erlaubt sein müsse, ihre mögliche Vaterschaft auch ohne Wissen und Erlaubnis der Mutter etwa bei Spezialfirmen testen zu lassen." Das Justizministerium des Bundes ist in einer Stellungnahme dazu anderer Meinung. Im ersten Schritt, wenn ein Verdacht besteht und ausgeräumt oder bestätigt werden soll, wird die juristische Würdigung dem Initiator eines Tests egal sein. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: 40% der Auftraggeber von Vaterschaftstest sind Frauen (die Mütter?).

Folgen aus dem Test zur Vaterschaftsanalyse

Stellt sich heraus, dass das Kind wirklich vom testenden Vater ist, könnte alles in Ordnung sein. Wie die Betroffenen gegenüber Kind und Partner damit nach einer Vaterschaftsanalyse umgehen, eventuell heimlich den unberechtigten Verdacht aus der Welt geräumt zu haben ohne sie ins Vertrauen zu ziehen, müssen sie selbst sehen. Was passiert aber, wenn sich der Verdacht der falschen Vaterschaft bestätigt? Erneuter Bluttest, Trennung, Scheidung, Unterhaltsklage gegen unbekannt, Erzwingung der Herausgabe des Namens des echten Vaters? Was passiert, wenn der biologische Vater unbekannt bleibt oder die Mutter ihn nicht preisgeben will oder kann? Die juristischen Probleme füllen Bände, jede Konstellation ist denkbar und wird teilweise unterschiedlich beurteilt. Technik des Tests per DNA-Analyse Mag die die moralisch-ethische und die juristische Würdigung des (heimlichen) Vaterschafttestes auch noch eine Vielzahl ungeklärter Fragen aufwerfen, das "technische" Procedere ist klar und relativ einfach. Im Standardfall werden Gewebeproben dreier Personen gewonnen und untersucht: von Mutter, dem Kind und dem fraglichen Vater. Das sind entweder Blut, Haarwurzeln oder Schleimhautabstriche, zum Beispiel der Wange. Letzteres ist offiziell sicherlich am einfachsten zu gewinnen, heimlich natürlich auch Haarwurzeln. Diese Konstellation nennt sich "Triade" im Gegensatz zum "Defizienzfall", wenn nur Proben von Vater und Kind vorliegen. Das Alter des Kindes ist unerheblich, der Test ist auch bei Neugeborenen möglich. Nachdem die Proben im Labor vorliegen, werden im nächsten Schritt bestimmte Teile der in jeder Zelle vorhandenen Moleküle, der DNA, auf den Grad der Übereinstimmung getestet. Dies geschieht mittels der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), einem Routine-Verfahren der molekularen Biologie und der Kriminalistik, das sich seit Jahren in vielen Millionen Testungen bewährt hat. Dabei werden 12 bis 16 Genorte (so genannte loci) auf Übereinstimmungen untersucht. Damit entsteht eine "genetischer Fingerabdruck". Interessant noch zu wissen: Bei der Testung werden keine genetischen Informationen untersucht, es geht ausschließlich um individuelle Abschnitte der DNA, die keine Proteine codieren. Es findet also keine Gen-Untersuchung statt, Erkenntnisse über zum Beispiel Erbkrankheiten werden nicht erhoben...

Testsicherheit

Falls drei Proben vorliegen, kann eine Vaterschaft mit mehr als 99,9% gesichert oder zu 100% ausgeschlossen werden. Liegen nur zwei Proben vor, können mit der Untersuchung von mehr Genorten ähnlich genaue Ergebnisse erzielt werden. So entsteht eine Gewissheit von fast 200%: zu 99,9% Vater oder zu 100% nicht. Biologische Vaterschaft ist auf diesem Weg nicht mit hundertprozentiger Sicherheit festzustellen. Es besteht die wenn auch sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, dass das Profil eines angeblichen Vaters zufällig mit dem des Kindes übereinstimmt. Diese Möglichkeit wird in der wissenschaftlichen Literatur mit weit unter 0,001% (d.h., 1 in 100.000) beziffert. Dieser Wert ist von der ethnischen Herkunft der Personen abhängig; die Treffsicherheit erhöht sich weiter mit der Anzahl der analysierten genetischen Marker.

Zwillinge: Kinder und Väter

Soll geklärt werden, ob zwei Kinder eineiige Zwillinge sind, bringt ein Test mit Probenmaterial beider Kinder Sicherheit. In genau einem Fall funktioniert der Test nicht: der fragliche Vater hat einen eineiigen Zwilling. Hier können zwar eventuell beide als Vater ausgeschlossen werden, im anderen Fall können aber auch beide der biologische Vater sein. In der Praxis haben Fragestellungen nach anderen Verwandschaftsverhältnissen (Onkel oder nicht? Halbgeschwister oder nicht?) mit großem Abstand weniger Bedeutung. Das Testprinzip ist aber das gleiche. Gerichtliches Vaterschaftsgutachten Der gerichtliche Vaterschaftstest heißt Vaterschaftsgutachten. Hier wird zusätzlich die Identität der betroffenen Personen mittels Ausweis und Fingerabdrücken, bei Kindern mittels Geburtsurkunde und Finger- oder Fußabdruck festgestellt. Viele Gerichte ordnen zusätzlich zur DNA-Analyse eine Blutgruppenanalyse an. Das Kind muss dazu mindestens neun Monate alt sein. (Dr. med. Dipl. Inf. Berthold Gehrke, Redaktion medizin.de)

© medizin.de 2005 (zuletzt aktualisiert 02/2009)