Diese Seite drucken
Ethik

Ethik

23 Februar 2020 | Publiziert in Startseite Kacheln (Analoges in der digitalen Medizin). Gelesen 18733 mal.

(0 Stimmen)

Vor dem Hintergrund der steigenden Digitalisierung im Gesundheitswesen stellt sich die Frage nach der Ethik. Experte Prof. Stefan Heinemann sieht zunächst keinen Widerspruch: „Die medizinische Ethik schließt digitale Lösungen keinesfalls aus. Das Einzige was Ethik ausschließt ist das Unmoralische.“ Und doch ist gerade das Gesundheitswesen voller „Ethik-Fallen“. Werden Vermögende besser behandelt? Ist es sogar unethisch, Patienten vorhandene medizinische Innovationen vorzuenthalten? Und erlaubt das derzeitige Gesundheitssystem überhaupt einen wirklich ethischen Umgang?

Ethische Belange bei künstlicher Intelligenz und digitaler Medizin

Auch die modernsten Innovationen können, ja sollen sogar ethisch sein. Um bei Themen wie KI keine moralische Grauzone zu betreten, empfiehlt Prof. Heinemann, die Ethik aus ihrem Luxusdasein herauszuholen. Konkret bedeutet das, dass ethische Fragen aktuell immer erst dann gestellt werden, wenn die Situation, um die es geht, bereits eingetreten ist. Das Gesundheitswesen selbst basiert auf einem zutiefst ethischen Pfeiler – dem intrinsischen Antrieb, anderen Menschen zu helfen. Daher ist es lohnend, die neuen Prozesse von Digitalisierung direkt ethisch zu reflektieren. Und zwar bevor sie genutzt werden.

Kann die Nicht-Nutzung digitaler Verfahren unethisch sein?

Wer heilt hat recht. Dieser Satz stimmt laut Prof. Heinemann meistens, aber eben nicht immer. Verfahren wie die Vivisektion können noch so sehr bei der Heilung schwerer Krankheiten helfen, die ethische Hürde ist zu hoch. Gleichwohl kann aber auch das bewusste Vorenthalten von Innovationen unethisch sein, wenn damit bereits jetzt Menschen geholfen werden kann. Insofern sind die Hürden, Menschen zu helfen und dies gleichzeitig als unethisch zu charakterisieren, sehr hoch.

Ethik und Datenschutz

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte unlängst: „Datenschutz ist etwas für Gesunde.“ Prof. Heinemann geht noch weiter: „Datenschutz ist Luxus für Gesunde.“ Denn leider werden hilfreiche Projekte, wie die elektronische Patientenakte, lange vor sich hergeschoben. Damit werden weitergehende Innovationen im Bereich Datenschutz verhindert. Das ist in jedem Fall unmoralisch.

Muss der Patient Kunde sein?

Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Gesundheit auch etwas mit Geld zu tun hat. Geht man von der gegenteiligen Argumentation aus, nämlich dem ethischen Grundsatz, dass Gesundheit nicht viel mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun haben darf, müsste sich eigentlich ein System erstklassiger Versorgung für alle herauskristallisiert haben. Das ist nicht der Fall. Prof. Heinemann umschreibt es so: „Für Empathie gibt es kein Geld“. Das Gesundheitssystem muss aber genau so aufgebaut werden, dass diese unentgeltlichen Werte wie Empathie, Zuneigung und Verständnis selbstverständlich integriert sind. Zur Frage, ob ein Patient trotzdem Kunde sein darf: Grundsätzlich spricht nichts gegen die Maxime eines Dienstleistungssystems, in dem ich das erhalte, was ich brauche. Genau dieses Gefühl hat aber derzeit im Healthcare-Bereich praktisch niemand.

Potenzielle Medizin.de-Themen

  • Besonders gut geeignet für ein Interview mit einem Medizinethiker/Historiker:
  • Ethische Betrachtung der Zukunftsmedizin
  • Grenzen der ethischen „Zumutbarkeit“
  • Ist es ethisch, den Arzt nur noch über den Bildschirm zu sehen?
  • Thema Biohacking/Genmanipulation
Letzte Änderung am Mittwoch, 25 März 2020 01:17