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Atkins-Diät

Atkins-Diät
Wenn auch die letzte Jeans zu eng geworden ist, das Bücken immer schwerer fällt und der Gang zum Briefkasten einem Marathon gleicht – spätestens dann ist für viele übergewichtige Menschen ein Punkt angekommen, an dem sie dieser unangenehmen Situation einfach nur noch entfliehen möchten. Runter von den Pfunden und das so schnell wie möglich. Und freilich sollte das ganze dem von Fettleibigkeit gebeutelten Körper kaum schaden. Und keinen Jojo-Effekt! Angesichts dieser ganzen Attribute hat sich unlängst ein riesiger Industriezweig gebildet, der sich ausschließlich auf die Wünsche und Bedürfnisse des „Abnehmwilligen“ konzentriert. Die Auswahl an heute bekannten Diäten dürfte die Schallmauer der 1.000 überstiegen haben. Aber nur wenige haben eine derartige Bekanntheit erlangt und sind so umstritten wie die von Dr. Robert Atkins, einem US-amerikanischen Ernährungswissenschaftler und Kardiologen und Erfinder der Atkins-Diät.


Die Atkins-Diät: Abnehmen leicht gemacht, wenn der Betroffene bereit ist, Kohlenhydraten wie Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Reis abzudanken. Die Frage ist berechtigt, ob so ein Verzicht auf die grundlegenden, in der Ernährungspyramide weit unten stehenden Lebensmittel eine gesundheitlich vertretbare Option der Gewichtsreduktion ist. Wirksam ist sie allemal. Denn: Wenn dem Körper der Supertreibstoff – Kohlenhydrate – gestrichen wird, so muss er zum weiteren Überleben zwangsläufig auf Plan B zurückgreifen, die Fettverbrennung. Schwer umsetzbar, auf jeden Fall wirkungsvoll, gesundheitlich aber durchaus fraglich: Mit diesen Kernaussagen lässt sich die sogenannte Atkins-Diät treffend charakterisieren. Die folgenden Zeilen sollen aufklären über ein Abnehmkonzept, was so umstritten wie populär ist.

Robert Atkins: Von einer Idee, der Umsetzung und ihrem Scheitern

Die Annahme, dass bei einem Verzicht auf Kohlenhydrate der Körper in die Verstoffwechselung von Fett gedrängt wird, ist zunächst einmal wissenschaftlich unwiderlegbar und korrekt. Robert Atkins vertrat in der Geburtsstunde seiner Diät in den 1970er Jahren noch die Auffassung, es dürfen in der Anfangsphase höchsten die unglaublich geringe Menge an 5 mg Kohlenhydrate täglich verzehrt werden. Der Rest des Nahrungsbedarfs müsse ausschließlich über Proteine und Fette gedeckt werden. Einer Vitaminmangelerkrankung könne durch die Einnahme entsprechender Nahrungsergänzungsmittel entgegengewirkt werden. Der Mediziner merkte selber nach wenigen Jahren, dass eine derart geringe Menge an Kohlenhydraten selbst strengsten Abnehm-Kandidaten kaum zumutbar ist. Nach Veröffentlichung seines ersten Diät-Buches, ruderte Atkins folglich zurück und korrigierte die anfänglich empfohlene Menge auf 20 mg täglich. Zum Vergleich: Ein 85 kg schwerer Mann sollte normalerweise 425 g Kohlenhydrate täglich aufnehmen. Als Faustformel gilt bei einer normalen Ernährung: 5 g pro kg Körpergewicht.

Das Prinzip dieser Art des Abnehmens verbreitete sich rasch und viele Menschen feierten auch ihre Erfolge. Atkins selber gründete nach einigen schriftlichen Publikationen und Bücherveröffentlichungen Ende der 1980er Jahre eine eigene Firma, die sich auf den Vertrieb seiner Diät entsprechender Produkte spezialisierte. Das Unternehmen mit dem Namen „Atkins Nutritionals Inc.“ wuchs sehr rasch und erzielte sagenhaft hohe Gewinne. Mit der Jahrtausendwende, dem Voranschreiten der Wissenschaft und der Entwicklung schonender und leichter durchführbarer Abnehm-Konzepte verlor die Atkins-Diät immer mehr an Bedeutung. Produkte des amerikanischen Wissenschaftlers waren immer weniger gefragt und die Gewinne brachen ein. Am 31. Juli 2005 schließlich waren es Gerichtsvollzieher und Insolvenzverwalter, die das Ende der Atkins Nutritionals Inc. einleiteten. Ein Pionier der Diät-Geschichte hatte an Bedeutung verloren. Die von der Theorie her ebenso einfachen, wie in der Praxis schwer umzusetzenden Konzepte waren von anderen Diäten verdrängt worden. Und dennoch: Die Ansätze von Robert Atkins finden sich in Teilen bis heute in der Ernährungswissenschaft wieder. So gilt in vielen modernen Diätkonzepten nach wie vor der Grundsatz: „Abends keine Kohlenhydrate“.

Lipolyse, Ketose, Aceton – Die wissenschaftliche Idee hinter der Atkins-Diät

Grundlage aller Energieproduktion unseres Körpers ist zunächst einmal Traubenzucker (Glucose). Sämtliche aufgenommenen Kohlenhydrat-Produkte landen schließlich als Einfachzucker (wie Glukose) in den Mitochondrien. Letztere sind die Teile der Zelle, in denen die zentrale Energiegewinnung stattfindet. Etwas plakativ und als Eselsbrücke im Biologieunterricht werden die Mitochondrien auch als „Kraftwerke der Zelle“ bezeichnet. Der Abbau von durch Kohlenhydrate zugeführtem Zucker geschieht in drei Schritten:

  1. Die Glykolyse
  2. Der Citratzyklus
  3. Die Atmungskette

Diese drei Prozesse haben im Wesentlichen folgenden Sinn: Die Bereitstellung von ATP! ATP ist die Abkürzung für ein Molekül mit dem Namen Adenosintriphosphat. Es handelt sich dabei um den universalen Energieträger aller Lebewesen auf der Erde – egal ob Tier, Mensch oder Pflanze. ATP ist Energie! Für praktisch alles im Körper wird diese Verbindung benötigt. Entzieht der Konsument dem Körper nun die Quelle der Energie, stellt sich für den Organismus die Frage: Weitermachen oder aufgeben? Da Letzteres natürlich für den immer nach Überleben strebenden Körper nicht in Frage kommt ist er gezwungen, auf einen anderen ATP-Lieferanten zurückzugreifen. Proteine sind die Baustoffe des Körpers und kommen nur extrem eingeschränkt als Energiespeicher in Betracht. Weit schwerer zu verstoffwechseln, aber hoch energiehaltig ist die Speichersubstanz des Organismus schlechthin: Das Fett!

Werden keine Kohlenhydrate mehr zugeführt, greift der menschliche Stoffwechsel die Fettreserven an. Aus den bei Übergewichtigen prallgefüllten Fettzellen werden nun einzelne Fettsäuren herausgelöst und – wie vorher die Zucker – zu den Mitochondrien transportiert. Hier findet nun ein Prozess statt, den der Biochemiker als Beta-Oxidation und wir schlicht als Fettverbrennung bezeichnen. Dieser Prozess findet immer statt – auch bei ausreichend vorhandenen Kohlenhydraten in der Nahrung. Aber der Anteil der Fettverstoffwechselung ist dann nur sehr gering. Die Atkins-Diät erhöht den Anteil der Fettverbrennung um ein Vielfaches. Im medizinischen Fachjargon nennt man eine Verstoffwechselung von Fett Lipolyse.

Nun sind einige Organe auf die Verstoffwechselung von Glucose angewiesen und kommen mit dem reinen Verbrauch von Fetten nicht zurecht. Prominentestes Beispiel für diese Lebensform ist das Gehirn. Damit auch diese Teile des Körpers in Zeiten knapper Kohlenhydrate wie bei der Atkins-Diät weiter Energie gewinnen können, wird ein Teil der Fettsäuren in sogenannte Ketonkörper umgewandelt. Dabei handelt es sich um chemische Verbindungen auf Kohlenstoffbasis. Diese entstehen in der Leber entweder unter Kohlenhydratmangel, oder beim Fasten und können insbesondere vom Gehirn als Energielieferant herangezogen werden. Den Zustand, in dem der Organismus Ketone bildet nennt der Fachmann Ketose. Ketonkörper sind chemisch mit dem Aceton verwandt und riechen ebenso. Feststellbar wird dies, wenn Menschen die sich in einer Ketose befinden, aus dem Mund fruchtig nach Aceton riechen. Ketonkörper sind die Ersatzverbindung für Glucose.
Eins wird in jedem Fall deutlich: Die Atkins-Diät zwingt den Körper unweigerlich, die unschönen Fettpölsterchen an Hüfte, Bauch und Po anzugreifen.

Schritt für Schritt zum Wunschgewicht – Die Phasen der Atkins-Diät

1.) Die Einleitungsdiät (Phase I)

Diese stellt den Beginn des gesamten Prozederes dar und dient dem Zweck, den Organismus möglichst rasch in den Zustand der Ketose bzw. Fettverbrennung zu führen. Dabei muss die durchführende Person besonders enthaltsam in Sachen Kohlenhydrate sein. Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln sind streng verboten. Über einen Zeitraum von zwei Wochen hinweg sollten lediglich 20 g Kohlenhydrate täglich verzehrt werden – ein sehr schwer zu realisierendes Unterfangen, was höchste Disziplin und Willenskraft des Abnehm-Willigen erfordert. Fleisch, Eier und Sojaprodukte sind die Lebensmittel der Wahl. Die wenigen Kohlenhydrate, die während Phase I erlaubt sind, sollten ausschließlich durch Gemüse oder Salat gedeckt werden. Der Insulinspiegel ist langfristig niedrig, was die Fettverbrennung weiter ankurbelt.  Dass Alkohol und Süßigkeiten strengstens untersagt sind, versteht sich von selber.

2.) Reduktionsdiät (Phase II)

In dieser 2. Phase der Atkins-Diät soll nun herausgefunden werden, welche Menge Kohlenhydrate vertretbar ist, sodass eine weitere Gewichtsreduktion stattfindet. Zu diesem Zweck wird in direktem Anschluss an die strikten ersten 14 Tage die Kohlenhydratzufuhr jede Woche um 5 g erhöht. Begleitend muss eine engmaschige Gewichtskontrolle durchgeführt werden. Ist eine wöchentliche Menge an Kohlenhydraten erreicht, in denen kein Gewicht mehr verloren geht, so wird die Zufuhr in der darauffolgenden Woche wieder um 5 g reduziert. Somit ist eine maximale Kohlenhydratzufuhr bei dennoch stattfindender Gewichtsreduktion ermittelt. Klassiker wie Brot, Nudeln oder Kartoffeln sind weiterhin tabu. Als Quellen sollten in Phase II Gemüse, Bohnen, Nüsse oder Samen dienen.

3.) Vor-Erhaltungsdiät (Phase III)

In Phase III wird die Kohlenhydrataufnahme weiter gesteigert. Eine wöchentliche Steigerung um 10 g ist hier die Norm, wobei an 2 ausgewählten Tagen noch einmal zusätzlich bis zu 30 g Kohlenhydrate verzehrt werden können. Dabei sollte auf ähnliche Nahrungsmittel wie in Phase II zurückgegriffen werden. Eine leichte Gewichtsabnahme sollte aber weiterhin stattfinden.

4.) Dauerhafte Erhaltungsdiät (Phase IV)

Grundsätzlich endet hier die Atkins-Diät, da Phase IV als lebenslange Ernährungsempfehlung zu verstehen ist. Das Gewicht sollte hier stagnieren und die Auswahl an kohlenhydratreichen Lebensmitteln deutlich erweitert werden. Kartoffeln und Backwaren sollen aber auch weiterhin nur in einigen Ausnahmefällen genossen werden. Fisch, Gemüse, Obst und Eier sind die Lebensmittel, die die Grundlage der Ernährung stellen sollten, glaubtman Dr. Robert Atkins.


Fleisch und Fett soviel das Herz begehrt? Kontroversen von Atkins Ansatz

In seinen Theorien über das Abnehmen und der Entwicklung seiner Diät wurde Dr. Robert Atkins insbesondere in einem Punkt immer wieder missverstanden oder absichtlich falsch interpretiert. Bis heute hält sich teilweise hartnäckig das Gerücht, man könnte bei der Atkins-Diät Unmengen an Fleisch, Schinken, fettem Käse verzehren und müsste sich dort keinerlei Grenzen aufbürden. Dies ist ein Irrglaube und würde praktisch ausgeführt zu einem Misslingen der Diät, sowie zu Stoffwechselproblemen führen (v. a. Anstieg der Blutfettwerte). Es existieren in der Atkins-Diät zwar keine konkreten Angaben über Kaloriengrenzen, Atkins selber verweist in seinem Buch aber darauf, dass es sich bei dem Konzept nicht um eine „Lizenz zum Vollstopfen“ handelt.

Es ist nicht alles Gold was glänzt – oder doch? Wie sinnvoll und gesund ist die Atkins-Diät?

Eins muss man Robert Atkins von vorne herein bescheinigen: Er hat mit seinem Diätkonzept eine Form des Abnehmens gefunden, bei dem man trotzt Verzicht auf viele Lebensmittel, nicht hungern muss und trotzdem eine sehr intensive Fettverbrennung stattfindet. Während viele andere Diäten nur bei bestimmten Personen funktionieren, führt die Atkins-Diät – richtig durchgeführt – zwingend zu einer Gewichtsabnahme. Aber: Ist es wirklich nur Fett, welches dabei verloren geht? Und: Wo bleibt der Faktor, ohne den ein dauerhaftes Halten des Gewichtes kaum möglich scheint? Der Sport und die Empfehlung zu mehr Bewegung! Weiterhin die Frage: Sind es nicht gerade die Vollkornprodukte, Kartoffeln und Reis, welche die Grundlage für unser gesundes Leben und eine befriedigende Mahlzeit darstellen?

Muskelzellen sind die Hochöfen unseres Körpers; je höher der Anteil an Muskulatur, desto mehr Kalorien verbrennt der Organismus auch im Ruhezustand. Es ist demnach prinzipiell sehr kritisch zu betrachten, wenn bei einer Gewichtsabnahme neben Fett auch Muskulatur verloren geht. Genau dies ist aber zwingend der Fall, wenn eine Diät durchgeführt wird, bei der vollständig auf Sport verzichtet wird. Nur körperliches Training und regelmäßige Bewegung vermögen den gesamten Stoffwechsel dauerhaft zu beschleunigen. Im Rahmen der Atkins-Diät wird definitiv der Anteil an Muskulatur abnehmen. Die Empfehlung einer regelmäßigen Betätigung fehlt bei Atkins.

Komplexe Kohlenhydrate, wie Vollkornprodukte, haben eine vielfach positive und schützende Wirkung auf den Körper. Eine derart strikte Reduktion dieser Ernährungskomponente bei gleichzeitigem Überangebot an Fett und Eiweißen können im Extremfall langfristig zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen. Beispiele hierfür sind:

  1. Krebs
  2. kardiovaskuläre Erkrankungen
  3. Niereninsuffizienz
  4. Muskelkrämpfe
  5. Leberschädigung
  6. Azidose (Übersäuerung des Blutes)

Notfallprogramm für stark Übergewichtige statt Dauerkonzept

Eine zeitweilige, strikte Reduktion der Kohlenhydrataufnahme vermag die Fettverbrennung anzukurbeln und die ersten, vielleicht am meisten störenden Pfunde verschwinden. Bei sehr stark Übergewichtigen Menschen, bei denen Sport nicht möglich ist, mag diese Form als Art Notfallprogramm für den Beginn in ein neues Leben geeignet sein. Keinesfalls aber sollte langfristig auf Kohlenhydrate verzichtet werden; auch oder gerade nicht auf Kartoffeln, Reis oder Vollkornprodukte. Sie lassen aus einem Essen erst eine richtige Mahlzeit werden. In normalen Dosierungen verzehrt, sollte auch einem übergewichtigen Menschen keine Nahrungsgruppe in irgendeiner Weise Angst machen. Vielmehr sollte das Motto gelten: „Verbieten ist verboten“. Kein Lebensmittel sollte strikt und dauerhaft aus dem Leben gestrichen werden. Dies beflügelt nur Heißhungerattacken auf eben dieses Nahrungsmittel. Eine ausgewogene Ernährung, kombiniert mit regelmäßiger körperlicher Betätigung sollte die wahre „PhaseIV“ in unserem Leben sein.

© medizin.de 2013-2017 (Gunnar Römer)

Redaktion
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