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Cluster-Kopfschmerz: Besserung durch Hirnschrittmacher

Oktober 04, 2017
Cluster-Kopfschmerz: Besserung durch Hirnschrittmacher Cluster-Kopfschmerz: Besserung durch Hirnschrittmacher Blamb / shutterstock.com

Zahlreiche Menschen in Deutschland leiden unter den plötzlich auftretenden, einseitigen Kopfschmerzattacken. Diese Zustände mit stärksten Beschwerden werden als Cluster-Kopfschmerz bezeichnet. Eine Heilung für die Erkrankung gibt es bisher nicht. Aufgrund des oftmals unvorhersehbaren Auftretens erweist sich auch eine Linderung als schwierig. Hilfreich waren bisher v. a. eine Sauerstofftherapie oder die Injektion des Lokalanästhetikums Lidocain in die auslösende Hirnregion. Eine neue Studie aus Belgien macht Hoffnung: Die Implantation eines Hirnschrittmachers konnte den Cluster-Kopfschmerz bei zweidrittel der Patienten signifikant reduzieren.

Bisherige Therapien kaum umsetzbar

Wie erwähnt entstehen die für Cluster-Kopfschmerzen typischen Attacken sehr plötzlich und ohne lange vorherigen Warnzeichen. Zu den teilweise schier unerträglichen Schmerzen kommen tränende Augen, Bindehautreizungen, eine laufende Nase sowie Schweißausbrüche am Kopf hinzu. Als medizinische Sofortbehandlung eignen sich insbesondere eine Inhalation von 100 % Sauerstoff oder die Injektion von Lidocain in die schmerzauslösende Region.

Auch eine intranasale Verabreichung des Lokalanästhetikums ist möglich, wirkt aber freilich nicht so effektiv und schnell wie das direkte Einspritzen. Die genannten Akutbehandlungen sind zwar durchaus effektiv, jedoch bei einem plötzlich eintretenden Schmerzanfall weitab jeder medizinischen Einrichtung kaum hilfreich. Umso hoffnungsvoller sind die Meldungen der Universität Lüttich, wonach eine Pilotstudie die Wirksamkeit einer Elektrostimulation auf den Cluster-Kopfschmerz gezeigt hat. Dabei soll ein spezieller Hirnschrittmacher das neuronale Gewebe im Bereich der Fossa pterygopalatina reizen.

Hirnschrittmacher stimuliert spezielle Hirnstrukturen

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Jean Schoenen wurde an der Universität Lüttich die Wirksamkeit eines Hirnschrittmachers, der tiefen Hirnstimulatin (THS) auf den Cluster-Kopfschmerz an 28 Betroffenen genau unter die Lupe genommen. Dabei wird der Impulsgeber im Rahmen eines kleinen chirurgischen Eingriffs direkt am Ganglion pterygopalatinum platziert. Dieses Nervenzellgeflecht befindet sich in direkter anatomischer Nachbarschaft zur Schädelbasis und liegt in der Fossa pterygopalatina. An diesem Ort findet ein Teil der Verschaltung des Vegetativen Nervensystems (Parasympathikus) auf das Zentralnervensystem statt. Bereits seit längerem gibt es Hinweise darauf, dass das Ganglion pterygopalatinum an der Entstehung des Cluster-Kopfschmerzes direkt beteiligt ist. Daher erzielten auch direkte Injektionen von Lidocain in diese Struktur die besten Ergebnisse. Nach der Platzierung des Hirnschrittmachers wird dieser mit einem ebenfalls implantierten Steuermodul verbunden. Mit diesem Gerät ist der Patient in der Lage, den Hirnschrittmacher mittels Fernbedienung bei Bedarf zu aktivieren. Dieser erzeugt dann leichte elektrische Impulse und scheint das beim Cluster-Kopfschmerz außer Kontrolle geratene Gleichgewicht von Nervenentladungen zu stabilisieren.

Deutliche Überlegenheit gegenüber Placebo

Schoenen konnte mit seinen 28 Probanden eine erstaunlich hohe Wirksamkeit des Hirnschrittmachers nachweisen: Bei bedarfsweiser Aktivierung des elektrischen Impulsgebers konnten 67,1 % der Schmerzattacken gelindert werden. 19 der 28 Probanden konnten insgesamt über eine deutliche Besserung ihres Gesundheitszustandes berichten. Da der Cluster-Kopfschmerz eine relativ schwer zu behandelnde Erkrankung ist, kann dieses Ergebnis als durchaus sehr erfolgreich angesehen werden. Zum Vergleich führte das belgische Wissenschafts-Team den gesamten Test noch einmal durch, nur waren dort die Hirnschrittmacher bzw. die gesamten Steuerungssysteme deaktiviert. Dies war den Patienten nicht bekannt. Lediglich 7,4 % der Patienten berichteten nach scheinbarer Aktivierung der Technik über eine Besserung der Symptomatik. Hier liegt eine deutliche therapeutische Überlegenheit des Hirnschrittmachers gegenüber einer Placebotherapie vor.

Vagusstimulation als weitere therapeutische Option

Eine weitere möglicherweise sehr zukunftsträchtige Methode zur Behandlung des Cluster-Kopfschmerzes ist die sog. Vagusstimulation. Hierbei wird ebenfalls mit elektrischen Impulsen gearbeitet, nur dass der elektrische Schrittmacher hier nicht das Gehirn selber sondern den Nervus vagus im Bereich des Halses stimuliert. Prof. Stefan Evers, Neurologe am Universitätsklinikum Münster, führt hierzu an, dass sowohl die Variante mit dem Hirnschrittmacher als auch die Vagusstimulation noch einige klinische Studien durchlaufen müssen, um als tatsächliche Therapieoptionen durchgeführt werden zu können. Noch sei zu wenig über mögliche Risiken und Nebenwirkungen bekannt, so der Mediziner.

In Münster selber werden derzeit auch Untersuchungen über die Vagusstimulation durchgeführt, die in den USA bereits zur Therapie schwerer medikamentenresistenter Depressionen zugelassen ist. Größter Vorteil der Vagusstimulation: Es ist kein nennenswerter chirurgischer Eingriff notwendig. Sowohl die Reizung des Gehirns selber als auch die Stimulation des Nervus vagus sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Therapie einer Migräne wirksam. Auch hierzu werden aktuell Langzeitstudien am Klinikum der Westfälischen Universitätsstadt durchgeführt.

Quellenangabe:

  • Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (17.07.2013)
  • Studienabstract: Stimulation of the sphenopalatine ganglion (SPG) for cluster headache treatment (Juli 2013)
  • Dt. Ärzteblatt (17.07.2013)
  • Neuroanatomie: Struktur und Funktion (Martin Trepel), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH
  • Kurzlehrbuch Physiologie (Jens Huppelsberg, Kerstin Walter), Thieme-Verlag
  • Lehrbuch Neurologie (Walter Gehlen, Heinz-Walter Delank), Thieme-Verlag

© medizin.de 2013-2018 (Gunnar Römer)

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