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Erste Hilfe: Wiederbelebung

Erste Hilfe: Wiederbelebung

Empfehlungen zur Herz-Lungen-Wiederbelebung

Jeder hat es in seinem Erste-Hilfe-Kurs gelernt: die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Erinnern Sie sich noch an den Rhythmus zur so genannten Reanimation? Wissen Sie noch, dass man erst beatmet und dann drückt? Beides können Sie vergessen. Seit 28. November 2005 haben sich die Empfehlungen geändert. Als am 28. November 2005 der Europäische Wiederbelebungsrat (European Resuscitation Council, ERC) seine Empfehlungen ins Netz stellte, brach der Server zusammen. Die bisher gültigen Algorithmen sind immerhin seit 5 Jahren nicht generalüberholt worden. Die ERC-Guidelines setzen diese wissenschaftliche Basis unter Berücksichtigung der europäischen Strukturen in konkrete Handlungsanweisungen um.

Fast 190 Seiten umfangreich ist die "Bibel der Reanimation". Alle Ärzte, der Rettungsdienst, Erste-Hilfe-Ausbilder und auch Ersthelfer müssen nun umlernen.   Das Herz bekommt jetzt mehr Druck. Bisher betrug der Rhythmus für die Wiederbelebung 15 : 2. D. h. der Handballen des Helfers musste 15 mal unterhalb des Brustbeins den Brustkorb niederdrücken, 2 mal wurde beatmet. Die neuen Leitlinien ändern den Rhythmus auf 30 : 2. Die Zahl der Kompressionen wurde also verdoppelt. Man muss sich jetzt nur noch einen Universalalgorithmus merken, vorbei sind die Zeiten, bei denen zwischen Ein- und Zweihelfermethode und Kindern und Erwachsenen unterschieden wurde. Für alle gilt jetzt 30 : 2! Die alten Leitlinien sahen vor, dass erst beatmet wurde, und dann die Kompression zu erfolgen hat. Diese Empfehlung ist in den aktuellen Guidelines nicht mehr zu finden. Erst drücken, dann beatmen, so der ERC. Das umständliche Aufsuchen des richtigen Druckpunktes wird zu Gunsten eines Druckpunktes in der Mitte der Brust aufgegeben. Der Vorteil dieses neuen Verhältnisses liegt auf der Hand: weniger Unterbrechungen, weniger Überbeatmungen und leichter zur lehren und zu lernen.

Vereinfachungen für den Laien

Nach den alten Empfehlungen musste der Laie nach Kreislaufzeichen wie Puls und Atmung suchen. Dies war sehr fehlerträchtig und ist meist unnötig. Wer bewusstlos ist und sich gegen die Maßnahmen nicht wehrt, wird reanimiert! Traut sich der medizinische Laie nicht zu zu beatmen oder lehnt er dies aus Ekel ab, braucht er jetzt nicht mehr die Mund-zu-Mund oder Mund-zu-Nase-Beatmung durchzuführen. Es reicht eine alleinige Herz-Druck-Massage aus. Tierversuche haben ergeben, dass eine Herzkompression ohne Beatmung in den ersten Minuten ebenso effizient ist.

Keine neuen Medikamente in Sicht

Viele Mediziner hofften auf neue Medikamente zur Anregung der Herzfunktion nach Herzstillstand. Hoffnungsträger war u.a. das Hormon Vasopressin. Die bisherige Datenlage reicht dem ERC nicht aus, Vasopressin als Mittel der ersten Wahl bei Herzstillstand zu empfehlen. Obwohl gute Ergebnisse mit dem antidiuretischen Hormon erzielt und mehr Patienten als mit Adrenalin primär gerettet werden, liegen nicht genügend Doppel-Blind-Studien vor. Das Mittel bei Asystolie ist also immer noch Adrenalin. Die Substanz wird dem Patienten 1 : 10 verdünnt vom Arzt oder Rettungsteam verabreicht. Intravenös 1 mg, endobronchial 3 mg. Die Gabe erfolgt alle 3 bis 5 Minuten. Der ERC stellt fest, dass die bisher gleichgesetzte Wirkung der intravenösen im Vergleich zur endobronchialen Gabe neu überdacht werden muss. Die Resorption über die Trachea und die Bronchien ist variabler und unzuverlässiger als unlängst angenommen. Bei Kammerflimmern ist jetzt das Herzmedikament Amiodaron Mittel der 1. Wahl. Wenn das Kammerflimmern nach drei Defibrillationen nicht aufhört, erhält der Patient 300 mg Amiodaron in Glucose gelöst als Bolus. Ist die Substanz nicht verfügbar, sollte Lidocain in einer Dosierung von 1 mg/kg als Alternative verwendet werden.  

Mehr Strom fürs Herz

Bevor der Patient bei Kammerflimmern mit einem Defibrillator geschockt wird, sollte nach den neuen Empfehlungen für zwei Minuten reanimiert werden. Die Defibrillation erfolgt nicht mehr wie bisher in Serien von drei Schocks mit 200/200/360 J, sondern nun jeweils als Einzelschock mit 360 Joule gefolgt von zwei Minuten Herzdruckmassage und Beatmung. Die Gabe von Adrenalin im Rahmen der erweiterten Maßnahmen wird mit der dritten Defibrillation im Ablauf kombiniert (Adrenalin Schock Herzdruckmassage Beatmung). Ist die Zeitspanne zwischen Kreislaufstillstand und möglichem Einsatz des Defibrillators größer als fünf Minuten, dann sollten vor der Defibrillation zunächst Basismaßnahmen durchgeführt werden.

Weg mit der Wärmedecke

Patienten mit einem Spontankreislauf nach Herzstillstand sollten in der Klinik für 12 bis 24 Stunden in eine milde Unterkühlung versetzt werden. Bei 32 - 34°C Körpertemperatur wird der Körper in eine Art Winterschlaf versetzt, der die Organe schützt und neurologischen Defiziten vorbeugt. Die Zeiten, in denen der Patient also mit Wärmedecken und den warmen Rettungswagen verbracht wurde, sind für bestimmte Situationen also vorbei. Die neuen Leitlinien sind seit dem 28. November 2005 über die Website des ERC (https://www.erc.edu/) abrufbar. Auch die Empfehlungen zur Reanimation von Kindern, die Schlaganfallversorgung, ethische Aspekte sowie Hinweise für Ausbildungsexperten sind hier zu finden.

© medizin.de 2005-2017 (Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie)

Redaktion
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