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Heroinersatz

Oktober 04, 2017

Durchgeknallt: Antidurchfallmittel als Heroinersatz

Drogenabhängige und experimentierfreudige Jugendliche suchen und finden immer neue Wege, sich eine Fahrkarte in die Welt der Träume zu kaufen. Diesmal hat die Fahrkarte die Form einer dünnen Folie, die man bei Durchfall unter der Zunge auflösen soll. Der Wirkstoff ist das opiatähnliche Loperamid. Es stoppt den Durchfall. Erfindungsreich angewendet, wirkt das Antidurchfallmittel als Heroinersatz.
Was Goethe und Poe gemeinsam hatten Bereits im 16. Jahrhundert wurde Durchfall schon mit Opiumtinktur behandelt. Das Heilmittel Laudanum wurde von Paracelsus entwickelt. Neben Opium waren außerdem verschiedene Gewürze wie Zimt, Nelken, Safran und Wein enthalten. Das hohe Suchtpotential des Opiums führt zur körperlichen Abhängigkeit. Berühmte Konsumenten waren J.W. Goethe, E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe.
Im Jahre 1920 verbot England schließlich per Gesetzesbeschluss die freie Verkäuflichkeit von Opiaten und im selben Jahr trat in Deutschland das sogenannte Opiumgesetz in Kraft.

Opiumtinktur untersteht dem Betäubungsmittelgesetz

Der Wirkstoff Loperamid ist ein bewährtes und effizientes Mittel gegen Durchfallerkrankungen. Es ist mit dem Opioid Piritramid verwandt. Loperamid besetzt die Opiatrezeptoren im Darm, lähmt für kurze Zeit die Darmmuskulatur und reguliert die gestörte Flüssigkeitsbalance im Darm. Der Wirkstoff ist rezeptfrei in Apotheken erhältlich.

Ein Opiat rezeptfrei?

Loperamid ist extrem fettlöslich und überwindet nicht die Blut-Hirn-Schranke. Die Mengen die doch in das Gehirn gelangen, werden mit Hilfe eines Transportproteins rasch hinausgeschleust. Es kann deshalb kaum zu den zentralen Opiatbindungstellen gelangen. Die typischen (Neben)Wirkungen der Opiate wie Euphorie, Schmerzlinderung, Übelkeit, Suchtauslösung u.a. werden nicht beobachtet. Der Mechanismus, der verhindert dass Loperamid ins zentrale Nervensystem gelangt und der, der es wieder raustransportiert, kann jedoch lahmgelegt werden. Einige Arzneimittel und gewisse Konsumformen bewirken, dass sich Loperamid im Gehirn anreichern kann und einen 'Kick' auslöst.

Missbrauch propagiert und bekannt

"Es besteht der dringende Verdacht, dass das Antidiarrhoikum Loperamid durch einen einfachen pharmakologischen Trick zu einem zentral wirksamen Opioid "gewandelt" werden kann", so der Apotheker und Lehrbeauftragte der Uni Marburg Dr. Alexander Ravati in der Pharmazeutischen Zeitung (51/52, S. 31 (2006)). "Alarmierende Meldungen über erheblichen Missbrauch in der Drogenszene haben sich in den letzten Monaten gehäuft", so Ravati weiter.
Ich wusste zwar, dass sich Leute im Opioidforum mit Chinidin & Loperamid beinahe auf den Mond geschossen hatten, doch verdrängte ich dies zu diesem Zeitpunkt wohl. Einige Tage später schnappte ich dann im Loperamid-Thread auf, dass ein User herausfand, dass man Doxepin als Booster benutzen konnte, um das Loperamid ins Gehirn zu bringen, und dem Opiat die Wirkung zu ermöglichen? Es ist ein Gefühl, dass sich anfühlt, wenn man auf einem 1000 meter- hohen, einem Meter breiten Turm steht, und sich gerade fallen lässt: Es fühlt sich an, als würde man an einen gigantischen Generator angeschlossen sein, der einen pro Millisekunde mit Millionen von Kilowatt aufläd bis man aus allen Nähten platzt. Diese Steigerung, die man als linear beschreiben könnte, entlud sich dann: Eine wirklich nicht beschreibbare mächtige Euphorie schob sich mit einem ungeheurem Druck in die letzten Windungen meines Gehirns, - es war keine smoothe Heroin-Euphorie, die "schön" ist, nein, sie war so MÄCHTIG dass sie mir unheimlich Angst machte, und ich hatte augenblicklich Angst zu sterben. Fazit: Defintiv die heftigste und dramatischste Drogenerfahrung die ich je erfahren habe. Posting aus www.drogen-forum.com

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Loperamid ins Gehirn zu schleusen:

  • Loperamid-Plättchen in Selbstgedrehten Zigaretten rauchen
  • Kombination mit dem Herzmittel Verapamil
  • Kombination mit Chinin (Mittel gegen Wadenkrämpfe)
  • Kombination mit Chinidin (Mittel gegen Herzrhythmusstörungen)
  • Kombination mit dem Antipilzmittel Ketoconazol
  • Kombination mit dem AIDS-Mittel Ritonavir
  • Kombination mit dem Antidepressivum Doxepin

Dieser Beitrag soll nicht als Empfehlung für Missbrauch verstanden werden, vielmehr soll er vor gesundheitlichen Risiken warnen.

  • Verapamil ist ein rezeptpflichtiges Mittel gegen Herzrhythmusstörungen. Es kann selber das Herz so außer Takt bringen, dass ein Herzstillstand eintritt.
  • Chinin kann zu Gebärmutterkontraktionen führen (Achtung Schwangerschaft), Blutbildschäden hervorrufen und Allergien auslösen. Eine massive Überdosis führt unter anderem zu Schwindelgefühl, Kopfschmerz, Ohrensausen, Taubheit, vorübergehender Erblindung und Herzlähmung.
  • Das Fungizid Ketoconazol kann den Testosteron- und Kortisonspiegel senken.
  • Doxepin kann zur Steigerung der Herzfrequenz, Sprachstörungen, Impotenz, Blutbildschäden und psychischen Störungen führen.

Diese Gefahren werden in Kauf genommen, nur um Loperamid "scharf" zu machen. Auch weitere Substanzen wie Nifedipin, Ciclosporin, Clarithromycin und Chinidin gehen Wechselwirkungen mit Loperamid ein. Bereits im Jahr 1993 warnt die Zeitschrift AZRNEITELEGRAMM vor dem Missbrauch.

Rezeptpflicht als Problemlöser?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) hat mittlerweile ein Prüfungsverfahren eingeleitet. Das Institut erkennt an, dass eine klinische Relevanz des Missbrauchs vorliegt und prüft nach eigenen Angaben die Unterstellung des Mittels unter die Verschreibungspflicht. Es erscheint diskussionswürdig, ob dies der richtige Weg vor Missbrauch ist. Mit einer Schere kann man Papier schneiden. Mit Scheren sind aber auch schon Morde verübt worden, untersteht eine Schere deshalb dem Waffengesetz?
Das Schmerzmittel Paracetamol ist Selbstmordmittel Nr. 1. Es ist freiverkäuflich. Es untersteht nicht der Rezeptpflicht. Es kann "nur" töten, macht aber nicht abhängig und kann nicht Suchtstoff missbraucht werden. Es erscheint vielmehr sinnvoll, im Beipackzettel von Durchfallmitteln mit Loperamid gezielt vor den Gefahren der Wechselwirkungen abschreckend und sehr deutlich zu warnendem. Wenn Sie einen Colli besitzen sollte auch er keinesfalls Loperamid bekommen. Collis und verwandte Hunderassen verfügen nicht über das Enzym, das Loperamid den Übertritt in die Blut-Hirn-Schranke verwehrt. Säuglinge übrigens auch nicht.

© medizin.de 2007-2018 (Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie)

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