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Krebs: Weniger Mutationen durch Einnahme von ASS

Es ist eine vermeintlich kleine Ungenauigkeit mit fataler Auswirkung auf den Körper und das Leben des Patienten. Wenn in der mikroskopisch kleinen DNA unserer Zellen eine Schädigung auftritt und die Reparaturmechanismen versagen, kommt es zu Mutationen im Erbgut. Kommt es dann im Rahmen der Mitose (Zellteilung) zu einer unkontrollierten Vermehrung der malignen Zellen, entsteht ein bösartiger Tumor. Der Mensch erkrankt an Krebs. Die Bekämpfung dieser ebenso vielseitigen wie gefährlichen Erkrankung ist seit Jahrzehnten eine große Herausforderung der Medizin. US-Forscher aus Kalifornien konnten nun nachweisen, dass eine regelmäßige Einnahme von ASS (Acetylsalicylsäure) die Wahrscheinlichkeit und Menge an Mutationen verringert. Patienten mit einem Barrett-Ösophagus litten weit weniger an der Entstehung von Speiseröhrenkrebs wenn sie regelmäßig ASS einnahmen. Wird hier ein altbewährtes Arzneimittel zum neuen Krebsmedikament?

ASS verbesserte Prognose beim Barrett-Ösophagus signifikant

In einer durch PLOS Genetics veröffentlichtet Studie wurden 13 Patienten genau beobachtet, die an einem sogenannten Barrett-Ösophagus litten. Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine Veränderung im Epithel, die beispielsweise durch übermäßigen Kontakt von Magensäure bei Sodbrennen entstehen kann. Bei dem veränderten Gewebe besteht grundsätzlich eine fakultative Entartungsgefahr, es handelt sich demnach um eine Form von Präkanzerose (ähnlich einer Leukoplakie in der Mundhöhle). Durch die ständige Säureeinwirkung wird aus dem mehrschichtigen Plattenepithel mit der Zeit ein hochprismatisches Zylinderepithel. Bei einigen Patienten kommt es dort zu einer Anhäufung von Mutationen, deren Folge ein Ösophaguskarzinom sein kann. Unter der Leitung des Onkologen Carlo Maley vom Helen Diller Family Comprehensive Cancer Center in San Francisco (Kalifornien) wurden die genannten 13 Personen regelmäßig mittels einer Endoskopie untersucht. Dabei wurden in regelmäßigen Abständen Biopsien des veränderten Epithels entnommen und auf die Anzahl an vorhandenen Mutationen untersucht.

Allen Patienten war gemeinsam, dass sie im Untersuchungszeitraum phasenweise ASS eingenommen haben. Die Gründe hierfür sind für die Studie irrelevant. Die genetische Untersuchung des Epithels erfolgte mit Genchips. Diese erkennen an über 1 Million Orten des Erbguts die für die Entstehung von Mutationen sehr relevanten Einzelnukleotid-Polymorphismen. So konnten Carlo Maley und sein Forscherteam Aussagen darüber treffen, wie viele Mutationen bzw. DNA-Schäden in dem jeweiligen Biopsat vorlagen. Diese Ergebnisse wurden mit den Krankenakten der Studienteilnehmer verglichen, aus denen die Zeitpunkte einer ASS-Einnahme hervorgingen. Das Ergebnis war eindeutig: In den Zeiten, in denen die Personen regelmäßig ASS anwendeten, war die Zahl der Neumutationen in den Gewebeproben zehnmal geringer als sonst.

Erhöhtes Blutungsrisiko problematisch

Bereits in früheren Studien konnten Forscher nachweisen, dass ASS die Sterblichkeit bei Krebs senkt. Nicht nur beim Speiseröhrenkrebs konnte dieser Effekt festgestellt werden, auch andere Tumore wurden in ihrer Proliferation gebremst. Es ist davon auszugehen, dass das Sterberisiko durch die präventive Wirkung von ASS um rund 20 % sinken könnte. Problematisch könnte allerdings das für ASS typische erhöhte Blutungsrisiko werden. Der Wirkstoff ASS sorgt für eine Thrombozytenaggregationshemmung, wodurch es eher zu inneren Blutungen (insbesondere im Gastrointestinaltrakt) kommt. Diese Nebenwirkung könnte das Sterberisiko wieder erhöhen.

Grund für die präventive Wirkung von ASS noch unklar

Während es bei der vor Krebs schützenden Wirkung von Statinen mittlerweile eine ganze Reihe von Theorien über den Wirkmechanismus gibt, tappen die Forscher bei ASS noch im Dunklen. Es scheint festzustehen, dass unter ASS-Wirkung die Anzahl an malignen Zellen deutlich verringert wird. Über die molekularen Ursachen dieser Tatsache herrscht aber noch Rätseln. Studienleiter Maley hat aber bereits eine Theorie: Acetylsalicylsäure, wie ASS mit komplettem Namen heißt, besitzt eine stark entzündungshemmende Wirkung. Im Rahmen einer Entzündungsreaktion kommt es zur massenhaften Freisetzung von hochreaktiven freien Radikalen. Diese haben die Eigenschaft das Erbgut der Zellen anzugreifen und nachhaltig zu schädigen. Unter ASS-Einfluss sinkt der Gehalt dieser reaktiven Teilchen signifikant. Vielleicht verhilft diese Eigenschaft dem ASS schon bald zu einer neuen Aufgabe.

 

Quellenangabe:
  • Presseveröffentlichung der University of California (18.06.2013)
  • Gesamtbeschreibung der Studie in PLOS Genetics (Juni 2013)
  • Dt. Ärzteblatt (19.06.2013)
  • Biochemie des Menschen (Florian Horn), Thieme-Verlag
  • Pharmakologie und Toxikologie (Heinz Lüllmann, Klaus Mohr, Lutz Hein), Thieme-Verlag
  • BASICS Onkologie (Hannes Leischner), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH

© medizin.de 2013-2017 (Gunnar Römer)

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