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Smart Drugs: Ausblick in die Zukunft

Smart Drugs

DHEA – der König unter den Steroidhormonen

Keine chemische Verbindung im menschlichen Organismus steht so sehr Modell für die Gruppe der Steroidhormone wie das DHEA. Dieses „Allround-Talent“ ist das mit Abstand am häufigsten vorkommende Steroidhormon im Körper und übernimmt eine ganze Reihe von wichtigen Funktionen inBezug auf Geschlechterbildung, Energiebeschaffung des Körpers, u. v. m.
Die Abkürzung DHEA steht für den Namen Dehydroepiandrosteron. Eine weitere, allerdings eher als internationaler Freiname gebräuchliche Bezeichnung für das Hormon ist Prasteron.

DHEA ist als natürlich vorkommende Substanz zunächst einmal ein richtiges „Wunderkind“: Es besitzt die Fähigkeit, je nach Bedarf im Körper seine Wirkung entsprechend dem benötigten Hormon anzupassen. So kann DHEA einerseits wie ein Androgen, andererseits aber auch wie ein Estrogen wirken. Durch diese Variabilität verhindert es sehr wirksam Entgleisungen des Hormonhaushaltes bezüglich der genannten Steroide. DHEA stellt außerdem die molekulare Vorstufe sämtlicher Sexualhormone dar, sowohl des männlichen, als auch des weiblichen Geschlechtes. Somit handelt es sich bei DHEA um ein Prohormon bzw. ein Prodrug. D. h. das eigentliche Molekül wird nach Synthese oder Aufnahme erst in das eigentlich wirksame Produkt metabolisiert.

DHEA wird in der innersten Schicht der Nebennierenrinde gebildet, die als Zona reticularis bezeichnet wird. Grundstoff der Synthese ist – wie bei praktisch allen Steroidhormonen – das Cholesterin. Letzteres wird durch entsprechende Rezeptoren aus dem Blut aufgenommen und in einer sehr aufwändigen Synthese zu DHEA modifiziert.

DHEA als Wundermittel und Jungbrunnen?

Ein Hormon im Fokus vom Forschung und Vermarktung.

Die 1934 durch die Chemiker Dannenbaum und Butenandt entdeckte Substanz vermochte schon bald nach der erstmalig gelungenen Isolierung aus dem Blut Mitte der 1950er Jahre das Interesse der Pharmaforschung auf sich zu lenken. Neben den bekannten Wirkungen der Sexualhormone, insbesondere von Estrogen und Testosteron, vermuteten Wissenschaftler weltweit schon bald eine verjüngende Wirkung dieses Steroidhormons auf Körper und Geist. War ein Jahrtausende alter Wunschtraum des Menschen ausgerechnet in einem kleinen Reagenzglas gefunden? Gibt es ihn doch, den Jungbrunnen? Sollen altersbedingte Erkrankungen schon bald der Vergangenheit angehören? Ewige Jugend aus der Spritze – selbstverständlich bleibt dies auch weiterhin eine Mär, von denen höchstens Science-Fiction Autoren ernsthaft profitieren können. Obwohl sich bis heute keine stichhaltigen wissenschaftlichen Beweise für eine solch artige Wirkung des DHEA beweisen lassen konnten, wird es insbesondere in den USA reichlich als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Fragen, wie sich denn der angeblich verjüngende Effekt von DHEA wissenschaftlich erklären ließe, bleiben oft unbeantwortet. Angeblich vermag das Hormon den Energieverbrauch jeder einzelnen Zelle zu verringern, wodurch „Verschleißerscheinungen“ reduziert werden. Freilich erhöht es zunächst den Spiegel z. B. von Testosteron und ja, dadurch kann es kurzzeitig zu einem vermehrten Muskelaufbau und einer beschleunigten Fettverbrennung kommen. Da der Körper die eigene Hormonsynthese aber runterreguliert, lassen die zahlreichen negativen Wirkungen (Impotenz, Verweiblichung, etc.) nicht lange auf sich warten. DHEA steht auf der Liste der verbotenen Substanzen des Internationalen Olympischen Komitees. Lediglich als gegen gewisse Symptome des Klimakteriums ist es in Deutschland als Arzneimittel zugelassen. Ansonsten lässt sich zusammenfassend erwähnen: So vielseitig und nützlich seine Leistungen im Organismus sind, so überflüssig, unwirksam und sogar schädlich ist seine Verwendung als Wundermittel und vermeintlicher Jungbrunnen.

Wenn es Nacht wird… Melatonin – Das Dunkelhormon

Melatonin wird ausschließlich in der Dunkelheit gebildet; Bildungsort ist dabei die Netzhaut des Auges, sowie das Darmsystem. Während des Schlafes kommt es zur Ausschüttung dieses Hormons, welches auch die Pharmaindustrie aufgrund seiner zahlreichen Wirkungen sehr interessiert. Eine besonders beliebte, allerdings für die Medizin kaum nutzbare Wirkung ist das Abfangen freier Radikale. Dieser antioxidative Prozess vermag zelluläre Abnutzungserscheinungen zuverlangsamen, Müdigkeitzu unterdrücken und die allgemeine Leistungsfähigkeit des Menschen zu erhöhen. Es ist nicht schwer zu erraten, dass sich auch für künstlich hergestellte Melatonin-Präparate ein breiter Markt bietet. Therapeutisch einigermaßen vertretbar erscheint der Einsatz von Melatonin lediglich bei Schlafstörungen und dem Jetlag. Liegt zu wenig an natürlichem Melatonin im Organismus vor, kommt es unweigerlich zu Schlafproblemen. Der gesamte Schlaf-Wach-Rhythmus kann aus dem Gleichgewicht geraten. Melatonin ist somit essentiell für die Erholung des menschlichen Körpers und vermag neuronale Lernprozesse zu unterstützen („Lernen im Schlaf“). Das Gehirn verarbeitet während des Schlafens neugelernte Informationen und speichert sie im Langzeitgedächtnis ab. Ein Melatoninmangel stört diesen Prozess empfindlich. Umgekehrt birgt ein zu hoher Spiegel der auch als Dunkelhormon bezeichneten Verbindung die Gefahr von Depressionen und Tagesschläfrigkeit. Aufgrund der längeren Dunkelheit im Winter ist der Gehalt an Melatonin bei jedem Menschen höher und die Gefahr von Winterdepressionen steigt. Eine Lichttherapie kann hier Abhilfe schaffen. Die „Wunderwirkungen“, wie die Heilung von Krebs, das Aufhalten des Alterns oder die Prophylaxe von Herz-Kreislauferkrankungen vermag eine „Spritze Melatonin“ oder die tägliche Tablette keineswegs zu erfüllen. Als Arzneimittel ist es in Deutschland ohnehin nicht zugelassen.

Procain – Ein Betäubungsmittel auf Abwegen

Bis zur Erfindung des Lidocains war Procain eines der am häufigsten verwendeten Lokalänesthetika im Bereich der Zahnmedizin. Allerdings hält sich auch bei diesem Arzneimittel bis heute hartnäckig das irreführende Gerücht, es könnte typische „Alterserscheinungen“ verlangsamen, ja wenn nicht sogar aufhalten. Seit Jahrzehnten ist es Bestandteil vieler Therapieverfahren in der Geriatrie -  wenngleich bis heute jeglicher wissenschaftlicher Beweise für eine entsprechende Wirksamkeit fehlt. Es ist das Geriatrikum schlechthin – die Altersbremse, ein weiterer scheinbarer Jungbrunnen im Dschungel der Smart Drugs. Was wird diesem schlichten Betäubungsmittel nicht alles zugetraut: Faltenbildung der Haut vermag es ebenso zu stoppen, wie altersbedingte Schlafstörungen und Vergesslichkeit. „Müdigkeit im Alter? Eins Spritze Procain vermag dieses Schlamassel zu unterbinden.“ So, oder so ähnlich wurde und wird bis heute teilweise penetrant für den für diese Indikationen völlig ungeeigneten Wirkstoff geworben. Eine orale Aufnahme ist nicht möglich, ähnlich dem Insulin würde das Molekül im Magen in eine „unwirksame“ Form gespalten. Von einer großen Wirksamkeit bezüglich der beworbenen Effekte kann allerdings auch intravenös verabreicht keine Rede sein. Das Magazin Spiegel nennt Procain in seiner 23. Ausgabe des Jahres 1979 treffend „Saft ohne Kraft“. Nebenwirkungen wie allergische Schocks sind allerdings selbstverständlich möglich.
Nein, auch Procain vermag den Alterungsprozess nicht aufzuhalten. Es nahm aber bereits vielen Millionen Menschen die Schmerzen beim Zahnarzt – wie ich finde eine höchst ehrenwerte Leistung.

Altern und Versagen – über große Ängste und falsche Hoffnungen

Nein, früher war gewiss nicht alles besser. Ganz im Gegenteil. Aber was meinen viele, insbesondere ältere Menschen, wenn sie teilweise verzweifelt diesen Satz aussprechen? Bei allem Fortschritt der heutigen Zeit, bei allem Luxus, der heute möglich ist, bei allen technischen und medizinischen Möglichkeiten – gibt es nicht doch eine Entwicklung, die uns alle etwas nachdenklich stimmen sollte? Muss das Grundschulkind schon im 3. Schuljahr zwei Fremdsprachen beherrschen? Ist es fachlich wirklich zu begründen, warum ein Abiturient mit einer 1,0 aufwarten muss, um sicher einen Medizinstudienplatz zu bekommen? Stellt dieses Leben nicht Ansprüche an uns, die wir ohne die „chemische Keule“ bisweilen kaum zu erreichen vermögen? Es ist schon bemerkenswert, warum sich die entsprechenden Industriezweigenicht mehr nur auf die Entwicklung von Wirkstoffen für kranke Menschen konzentrieren. Nein, das große Geld wird mit Tabletten für Gesunde gemacht. Für den ehrgeizigen BWL-Studenten, den Bankmanager und den Bundestagsabgeordneten, der vielleicht an einem Tag den siebten, wenn auch fürstlich honorierten Vortrag hält. Der Natur hat uns Grenzen gesetzt, an denen unser Körper wieder Kraft tanken muss. Durch Smart Drugs und etliche Wirkstoffe versuchen mehr und mehr Menschen, ihre persönlichen Leistungsgrenzen zu erweitern. Zu groß ist die Angst vor sozialem Abstieg, vor dem Scheitern, vor einer Änderung des Lebensstils nach unten hin. Verbote und Schutzmaßnahmen vor bestimmten Substanzen bringen schon lange nicht mehr den Nutzen, den sie versprechen. Es ist grundsätzlich eine traurige Entwicklung, wenn der kerngesunde, junge Mensch Medikamente nimmt um dieser nur noch auf Leistung getrimmten Gesellschaft standzuhalten. Wenn es möglich wäre, einen Teil des Druckes zu verringern, wenn auch der Hauptschulabsolvent wieder Chancen auf eine angemessene Ausbildung bekommt und ein Grundschulkind noch nicht mit 6 Jahren als Fremdsprachenexperte auftreten muss, dann wäre das wohlmöglich ein besseres Mittel gegen den Missbrauch von leistungssteigernden Substanzen, als tausend Paragraphen und Behörden zusammen. Ein Student sollte keine 10 Prüfungen in 5 Tagen schreiben müssen. Wettbewerb ist gut und wichtig – aber alles hat Grenzen. Ich fürchte, diese Grenzen sind überschritten.

© medizin.de 2013-2017 (Gunnar Römer)

Redaktion
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