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Tinnitus

Tinnitus
Sie haben große Angst vor der Stille. Während sich die anderen Menschen im lauten und hektischen Alltag oftmals nach totaler Ruhe und Geräuschlosigkeit sehnen, ist diese Vorstellung für eine mittlerweile sehr große Gruppe von Personen der Horror. Denn dort werden sie besonders von ihrem Störenfried gequält. Die Rede ist von Patienten, die unter einem Tinnitus leiden. Diese Menschen sind einem ständigen Ohrgeräusch ausgesetzt, dass die unterschiedlichsten Formen und Lautstärken annehmen kann. Pfeifen, Rauschen, Klopfen, Brummen – alle diese Beschreibungen hört man, wenn Tinnitus-Patienten über ihr Leiden klagen.

Für viele bedeutet der Tinnitus eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität. Nicht wenige rutschen in die Depression ab. Besonders die vielfach fälschlicherweise vertretene Meinung, ein Tinnitus sei nicht behandelbar, verschlimmert die Verzweiflung der Betroffenen weiter. Oftmals beginnt ein Teufelskreis aus sozialem Rückzug, beruflichem Abstieg und Einsamkeit. Eine gute Gelegenheit für den Tinnitus noch mehr Besitz von seiner Geisel zu nehmen. Dabei ist es das Gegenteil, was die gequälten Personen bräuchten.

Noch immer ist der Tinnitus schwer greifbar. Was passiert da im Ohr? Warum lässt sich der Tinnitus so schwer beeinflussen? Werde ich je wieder ruhig schlafen können? Fragen über Fragen treiben die Tinnitus-Patienten oft um; seriöse Antworten finden sie nur beim Fachmann. Denn das Internet hat den Markt der Verzweifelten längst erschlossen und es wimmelt vor sogenannten „Heilmethoden gegen Tinnitus“. Diese sind in den meisten Fällen nicht nur wirkungslos, sondern wecken in den Patienten Hoffnungen, die unrealistisch sind. In ihrer Verzweiflung sind viele Tinnitus-Patienten sehr bescheiden geworden: Alles, was sie sich wünschen, ist einen Ort der Stille…

Der Tinnitus als Volkskrankheit

Bis zu 20 % der Deutschen sind mehr oder weniger von einem Tinnitus betroffen. 2 – 3 % leiden dabei sehr unter den Folgen der Symptomatik. Fast die Hälfte der Bevölkerung gibt an, bereits einmal unter einem vorübergehenden Tinnitus gelitten zu haben.

Die Ursachen des Tinnitus sind vielseitig

Bei einem Tinnitus handelt es sich nicht um eine Erkrankung im eigentlichen Sinne, sondern um ein Symptom. Ein Tinnitus kann die verschiedensten Ursachen haben und in nicht wenigen Fällen ist gar keine eindeutige Quelle auszumachen. Als besonders häufige Entstehungsursache für einen Tinnitus gelten Durchblutungsstörungen im Innenohr. Diese können durch verschiedenste Faktoren zu Stande kommen; im Prinzip gelten hier die Risikofaktoren, die auch bei anderen Durchblutungsstörungen bekannt sind. Rauchen, hoher Blutdruck und Gefäßerkrankungen (z. B. im Rahmen eines Diabetes mellitus) begünstigen eine Minderdurchblutung in den feinsten Blutgefäßen des Innenohrs.

Der Extremfall eines solchen vaskulären Geschehens im Ohr ist der Hörsturz, bei dem es zu einer völligen lokalen Blutleere kommt. Folge ist auch hier häufig ein Tinnitus. In der Bevölkerung sehr bekannt ist ein Zusammenhang zwischen Stress und Tinnitus. Vermutlich herrscht bei Stress ein allgemein erhöhter Muskeltonus, weswegen auch die gesamten Blutgefäße des Körpers etwas verengt sind. Dies kann dann wiederum zu einer schwächeren Durchblutung des Innenohres und damit zum Tinnitus führen.

Ein Tinnitus ist weiterhin häufig Folge eines Knalltraumas oder einer Ohrverletzung. Plötzlicher großer Lärm führt praktisch immer zu einem zumindest vorläufigen Tinnitus. Durch den Knall registriert das Gehirn eine Schädigung im Innenohr und erzeugt kompensatorisch einen vom Betroffenen wahrgenommenen Ton – den Tinnitus. Oftmals bleibt dieser vom ZNS erzeugte Tinnitus dauerhaft bestehen und begleitet den Menschen auch nach Abheilung des Innenohrschadens weiter.

Eine Mittelohrentzündung, Erkrankungen des Gleichgewichtsorganes (wie z. B. Morbus Menière), verschiedene Formen der Schwerhörigkeit oder Tumore sind ebenfalls Bedingungen, die einen Tinnitus hervorrufen können. Besonders oft kommt es zur Entwicklung eines Tinnitus beim Akustikusneurinom – ein gutartiger Tumor, der den Nervus vestibulocochlearis befällt und u. a. eine Hochtonschwerhörigkeit verursacht.
Die Einnahme bestimmter Medikamente – vor allem bestimmte Antibiotika – führt in einigen Fällen zum Tinnitus, ebenso wie eine Fehlstellung des Kiefers oder Probleme an der der Halswirbelsäule.

Das Pfeifen als Alarmzeichen eines ausgebrannten Körpers

Zweifelsohne ist Stress einer der größten Risikofaktoren für die Entstehung eines Tinnitus. Wer ständig unter Zugzwang steht und keine Zeit für eine adäquate Entspannung findet, bei dem meldet sich nicht selten der Tinnitus als „Ventil“ des Körpers. Der Tinnitus kann in solchen Fällen durchaus als Hilferuf des überlasteten Organismus angesehen werden. Auch wenn der Leistungsdruck für jeden einzelnen in dieser sich immer schneller drehenden Welt zunimmt – jeder sollte die Warnsignale des Körpers ernst nehmen. Häufig ist ein stressbedingter Tinnitus das letzte Warnzeichen, bevor schlimmere Dinge wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Burn-Out-Syndrom oder die schwere Depression Einzug halten.

Man wird seinen Beruf oder sein Leben nicht um 180 Grad drehen können, wenn der Tinnitus sich meldet. Aber: Schon kleine Änderungen im Lebensstil können Stresssituationen signifikant entschärfen. Das frühere Aufstehen morgens mag eine halbe Stunde Schlaf kosten, man vermeidet dadurch aber vielleicht schon am Beginn eines Tages unnötigen Zeitdruck und Stress. Jeder Mensch kann leicht Entspannungsübungen wie das Autogene Training erlernen – es dauert ungefähr 20 – 25 Minuten. Diese Zeit sollte jeder irgendwie einkalkulieren können. Letztendlich geht es darum, das Warnsignal des Körpers ernst zu nehmen, bevor es zu spät ist.

Wenn das Geräusch nicht mehr gehen will – die Chronifizierung des Tinnitus

Häufig beginnt ein Tinnitus recht plötzlich; entweder über Nacht, oder eben durch ein bestimmtes Ereignis wie plötzlicher starker Lärm oder einen Hörsturz. Generell gilt: Je schneller der Patient in Behandlung kommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, den Tinnitus wieder loszuwerden. Denn: Ein Tinnitus neigt praktisch immer dazu, von einer akuten in eine chronische Form überzugehen. Die genauen zugrunde liegenden molekularen Mechanismen sind noch nicht geklärt. HNO-Ärzte gehen davon aus, dass sich das Gehirn nach einer gewissen Zeit an den Tinnitus gewöhnt. Selbst wenn eine mögliche organische Ursache behoben ist, kann der Tinnitus somit weiterbestehen – vergleichbar mit dem Phantomschmerz einer amputierten Extremität. Besteht ein Tinnitus bis zu 3 Monate, spricht der Fachmann noch von der akuten Form, die häufig noch durch entsprechende Therapien in den Griff zu bekommen ist. Dauert das Geräusch länger als 3 Monate, handelt es sich um einen chronischen Tinnitus. Hier ist meistens keine Heilung mehr möglich.

Die Folgen eines unbehandelten Tinnitus

  1. Kopfschmerzen
  2. Ängste
  3. Schlaflosigkeit
  4. Depression
  5. soziale Isolation
  6. Suizidalität
  7. Leistungsabfall
  8. Müdigkeit

Die Diagnostik eines Tinnitus

  1. Audiometrie (Hörtest)
  2. Hirnstammaudiometrie
  3. Analyse der Resiual-Inhibition
  4. Bestimmung der otoakustischen Emissionen
  5. Untersuchungen zur Schalleitung
  6. gegebenenfalls bildgebende Verfahren zum Ausschluss oder Nachweis von Raumforderungen
  7. Blutbild
  8. Röntgenaufnahmen von Kiefergelenk und Halswirbelsäule

Das Ziel heißt Heilung – die Therapie des akuten Tinnitus

Gemeinhin gilt in Großteilen der Bevölkerung die Ansicht, ein Tinnitus sei niezu heilen. Diese Hypothese ist genauso falsch, wie auch kontraproduktiv; verunsichert sie die ohnehin schon leidenden Patienten noch mehr. Liegt ein akuter Tinnitus vor, sollte zunächst so schnell wie möglich versucht werden, diesen vollständig zu beseitigen. Dies geschieht für gewöhnlich durch die Gabe von hochdosierten Kortisonpräparaten und durchblutungsfördernden Arzneimitteln, wie z. B. Ginkgo. Im Grunde genommen verfährt der Therapeut hierbei immer gleich, egal ob und wenn ja welche Ursache dem akuten Tinnitus zu Grunde liegt. Häufig verbleibt der Patient für einige Tage auf der HNO-Station und bekommt die genannten Medikamente in mehreren Infusionszyklen.
Nach stationärem Aufenthalt folgen noch einige Wochen, in denen der Patient weiter Medikamente zur Besserung der Innenohrdurchblutung einnehmen muss.

Kampf um die scheinbar verlorene Lebensqualität – die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Da die Wissenschaft bis heute noch nicht genau weiß, wie ein Tinnitus chronisch wird, existiert derzeit leider keine Therapie, die die chronisch gewordene Form heilen kann. Das heißt aber keineswegs, dass sich der Tinnitus-Patient seinem Schicksal ergeben muss. Mittlerweile existiert eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, die Lebensqualität bei Tinnitus zu erhöhen. Dabei lautet die Devise: Den Tinnitus möglichst aus dem Lebensmittelpunkt zu verdrängen und ihm die Aufmerksamkeit zu entziehen.

Als besonders hilfreich hat sich hier die sog. Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) gezeigt, die im Jahr 1990 von den US-amerikanischen Wissenschaftlern Hazell und Jastreboff in Baltimore (Maryland) entwickelt wurde. Es handelt sich um die mit Abstand wirkungsvollste und erfolgversprechendste Behandlungsmethode des chronischen Tinnitus. Mittlerweile wird die Tinnitus-Retraining-Therapie in vielen HNO-Kliniken weltweit angeboten. Das Behandlungskonzept gliedert sich in drei Bausteine:

  1. Beratung: Hierbei werden dem Patienten möglichst umfassende Informationen über den Tinnitus gegeben. Aus dem Betroffenen soll eine Art „kleiner Experte“ gemacht werden, da bei möglichst vielem Wissen die Scheu vor dem Tinnitus oft nachlässt. Außerdem dient diese Beratung der Vorbereitung auf den Umgang mit dem Tinnitus.
  2. Noiser: Nach Bestimmung der Frequenz des Tinnitus bekommt der Patient hier eine Art Hörgerät, genannt Tinnitus-Noiser, dass einen angenehmen Rauschton aussendet. Dieser darf in seiner Lautstärke nicht höher als der Tinnitus sein. Sinnvoll ist die Beschallung beider Ohren, mindestens 8 Stunden täglich über einen Zeitraum von 9 – 12 Monaten. Das für den Patienten angenehme Geräusch sorgt dafür, dass der Tinnitus zunehmend mehr überhört und an den Rande des Bewusstseins gedrängt wird.
  3. Psychotherapie: Hierbei wird durchverhaltenstherapeutische Maßnahmen versucht, dem Patienten bei der Verarbeitung seiner Ängste und Nöte bezüglich des Tinnitus zu helfen. Der Patient erlernt Denkstrategien, mit denen er negativen Gedanken aktiv entgegentreten kann.

In besonders schweren Fällen empfiehlt sich eine Behandlung durch eine spezialisierte Tinnitus-Klinik. Grundsätzlich sollten Tinnitus-Patienten Entspannungstechniken erlernen und Orte mit kompletter Stille meiden. Ebenso bewirkt übermäßiger Lärm oft eine Verschlimmerung des Tinnutus.

Weitere Behandlungsoptionen

Ein Tinnitus entsteht nicht zwangsläufig im Ohr, sondern ist häufig im Gehirn lokalisiert. Diese Tatsache fanden Ärzte und Patienten gleichermaßen heraus, als man noch vor wenigen Jahren vermehrt auf eine operative Durchtrennung des Hörnerves setzte. War der Leidensdruck beim Tinnitus-Patienten sehr groß, entschlossen sich nicht wenige für diesen folgenreichen chirurgischen Eingriff. Das dabei logischerweise auch das Gehör der betroffenen Seite zerstört wurde, nahmen viele Patienten in ihrer Verzweiflung in Kauf. Doch nach der OP erwartete nicht wenige Patienten der Schock: Der Hörnervwar durchtrennt, aber der Tinnitus war weiterhin zu hören.

Eine vorübergehende Verminderung des Tinnitus bringt bei manchen Patienten die Injektion eines Lokalanästhetikums. Dieses blockiert die Natriumkanäle an der Nervenzellmembran und verhindert damit die Ausbildung von Aktionspotenzialen, die ans Hirn weitergeleitet werden. Wird durch diesen Mechanismus auch die Intensität des Tinnitus verhindert? Sichere Antworten gibt es hier noch nicht. Fakt ist: Die Linderung hält nur kurzzeitig an und tritt nicht bei jedem Patient ein.

Die hyperbare Sauerstofftherapie vermag beim akuten Tinnitus häufig zu helfen. Aber auch beim chronisch gewordenen Tinnitus wird regelmäßig versucht, durch dieses Verfahren zu intervenieren. Dabei atmet der Patient für mehrere Stunden hochdosierten Sauerstoff direkt über eine Atemmaske ein. In einigen Fällen kann eine Verminderung des Tinnitus erreicht werden.

Auch der Fernöstlichen Medizin ist nicht entgangen, dass die Nachfrage nach wirkungsvollen Therapien gegen Tinnitus sehr hoch ist. So versuchen einige Therapeuten, ihre vom Tinnitus geplagten Patienten mit Akupunktur zu behandeln. Studien über Erfolge liegen hier kaum vor. Es ist gut vorstellbar, dass diese den gesamten Organismus berücksichtigende Therapiemethode positive Auswirkungen auf Erscheinungen wie den Tinnitus hat. Mit der Tinnitus-Retraining-Therapie zu vergleichen ist die Kunst mit den Nadeln aber keinesfalls.

Schlussendlich bleibt noch eine sehr zukunftsträchtige Therapieoption, bei der schon erste Erfolge im Kampf gegen andere neurologische Störungen wie Parkinson, Epilepsie, Schizophrenie und Demenz erlangt wurden: Die Implantation eines Hirnschrittmachers. Dieses kleine elektrische Gerät sendet speziell definierte Elektroimpulse aus und vermag überaktive Nervenbahnen zu beruhigen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch die Therapie des Tinnitus in den nächsten Jahrzehnten in diese Richtung bewegen wird. Natürlich abhängig von den sich einstellenden Erfolgen.

© medizin.de 2013-2017 (Gunnar Römer)

Redaktion
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