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Tiefe Hirnstimulation bessert Magersucht

Oktober 04, 2017

Die operative Implantation von Elektroden in bestimmte Areale des Gehirns hat bei einigen Patientinnen eine bestehende Magersucht (Anorexie) abgemildert. Einige Wochen nach dem in Kanada durchgeführten, nicht ungefährlichen Eingriff am Zentralnervensystem, besserte sich das Essverhalten der jungen Frauen deutlich. Sie erreichten ein Gewichtsniveau, dass als nicht mehr lebensbedrohlich anzusehen ist. Aber auch die oft parallel zu einer Magersucht auftretenden psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und Angststörungen besserten sich signifikant. Bereits bei therapieresistenten Depressionen und der Epilepsie wurden Erfolge durch die innovative neurochirurgische Maßnahme erzielt. Bietet die tiefe Hirnstimulation eine realistische Heilungschance für die Magersucht – die neben der Depression tödlichste psychiatrische Erkrankung?  

Der Eingriff als Ultima ratio einer oft kaum heilbaren Erkrankung

Die Magersucht gehört zu den Erkrankungen der Psychiatrie, die eine relativ schlechte Heilungsprognose aufweisen. Viele an Magersucht erkrankte Menschen durchlaufen eine Vielzahl an Therapieversuchen und Klinikaufenthalten. Der dauerhafte Erfolg bleibt bei vielen Magersucht-Patienten aus. Auch die sechs Patientinnen der Studie hatten bereits zahlreiche Magersucht-Therapien hinter sich. Alle zusammen bringen sie es auf über 50 Klinikaufenthalte in auf Magersucht spezialisierten Krankenhäusern. Eine Besserung der Magersucht zeichnete sich bei keiner der zwischen 24 und 57 Jahre alten Frauen ab. Als sich die von der Magersucht bereits extrem geschwächten Frauen an das Krembil Neuroscience Centre im kanadischen Toronto begaben, wiesen sie lebensbedrohliche BMI-Werte von 11 – 13,5 auf. Bereits Werte unter 18,5 gelten als Untergewicht.

Alle sechs Patientinnen litten sowohl an psychischen, als auch an körperlichen Folgeerscheinungen der Magersucht. Insbesondere der Hormonspiegel wird durch die Magersucht stark gestört. Der Gehalt an Sexualhormonen (v. a. Östrogen und Testosteron) sinkt rapide ab. Aber auch starke Herzrhythmusstörungen, Hypotonie, Elektrolytstörungen und stärkste Verdauungsstörungen waren bei den Magersucht-Patientinnen zu beobachten. Ein Team aus Psychiatern und Neurochirurgen konnte die sechs Frauen schließlich zu einem noch in die experimentelle Magersucht-Therapie einzuordnenden chirurgischen Eingriff bewegen. Alle anderen Behandlungsoptionen der Magersucht waren schlicht ausgeschöpft. Unter der Leitung des an der Universität von Toronto beschäftigten Neurochirurgen Andres Lozano implantierte ein Ärzteteam zwei Elektroden in das Gehirn der Magersucht-Patientinnen. Die bipolaren Impulsgeber wurden in den Gyrus subcallosus eingepflanzt.

Diese Hirnstruktur befindet sich oberhalb des Bulbus olfaktorius (Riechkolben) und ist als Teil des Limbischen Systems wesentlich an der Emotionsentstehung bzw. –regulation beteiligt. Bei einer normalen Traurigkeit ist der Gyrus subcallosus aktiv. Bei psychiatrischen Erkrankungen, wie der Depression oder der Magersucht, ist dieser Teil des menschlichen Gehirns kaum tätig. Vermutlich versetzen ihn die Ströme der Elektroden ineinen aktiveren Zustand.

Risikoreicher Eingriff mit günstiger Prognose

Drei der sechs operierten Frauen konnten einige Monate später ihren BMI auf Werte steigern, die nicht mehr akut lebensbedrohlich waren. Die Experten in Toronto sind sich sicher, dass diese Entwicklung ohne die Operation nicht möglich gewesen wäre. Die Magersucht konnte nicht geheilt, aber verbessert werden. Dabei war der Eingriff alles andere als ungefährlich. Alleine der durch die jahrelange Magersucht sehr schlechte Allgemeinzustand der Frauen barg schon ein sehr großes Risiko. So erlitten drei der sechs Magersucht-Patientinnen schwere Nebenwirkungen. Es kam zu Krampfanfällen und Panikattacken. Aber selbst das postoperative, kurzzeitig weitere Absinken des BMI-Wertes konnte nicht verhindern, dass drei Frauen eine wirklich signifikante Besserung ihrer Magersucht feststellen konnten. Zu bedenken ist: Die Wirkung der tiefen Hirnstimulation bei der Magersucht tritt – wie auch bei der Depression – erst gut 6 Monate später ein.

Direkte Wirkung der Elektroden auf das Hungergefühl ist unwahrscheinlich

Dass die von den Elektroden ausgesendeten Impulse direkt auf den Hunger der Magersucht-Patienten wirken und diesen steigern, ist eher unwahrscheinlich. Aufgrund der Lokalisation der Implantate ist es vermutlich so, dass die entstehende Elektrizität den Gyrus subcallosus aktiviert und damit antidepressiv wirkt. Durch das bessere seelische Befinden gelingt es den von Magersucht betroffenen Frauen möglicherweise, ihr gestörtes Essverhalten besser zu kontrollieren. Hierfür spricht, dass eben auch die Begleiterscheinungen der Magersucht – schwere Depressionen, bipolare Störungen und Ängste – deutlich schwächer wurden. In jedem Fall handelt es sich noch um ein experimentelles Verfahren in der Magersucht-Therapie. Wenn diese Behandlungsform weiter erforscht und Risiken minimiert werden,könnte vielen therapieresistenten Magersucht-Patienten geholfen werden. Ein Anfang ist gemacht.

Quellenangabe:

  • Deutsches Ärzteblatt
  • Handbuch Bipolare Störungen: Grundlagen – Diagnostik – Therapie (Hans-Jörg Assion & Wolfgang Vollmoeller, Kohlhammer-Verlag)
  • Neuroanatomie: Struktur und Funktion (Martin Trepel, Urban & Fischer)
  • Prometheus – Lernatlas der Anatomie: Kopf, Hals und Neuroanatomie (Thieme-Verlag)

© medizin.de 2013 (Gunnar Römer)

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