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Amitriptylin: Mehr als ein Antidepressivum

April 30, 2018
Amitriptylin: Mehr als ein Antidepressivum Amitriptylin: Mehr als ein Antidepressivum My Good Images / shutterstock.com

Ständige Schwermut, Gefühllosigkeit, Desinteresse: Nur drei von zahlreichen Symptomen einer Depression. Das seelische Leiden ist längst zur Volkskrankheit geworden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depressionen im Jahr 2020 auf Platz zwei der weltweit häufigsten Krankheiten stehen werden. Nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind noch häufiger. Seit den 1950er-Jahren gibt es spezielle Medikamente, die Antidepressiva. Amitriptylin gehört zu diesen Wirkstoffen der ersten Stunde. Und es hilft auch bei bestimmten Schmerzen.

Seit 1961 auf dem Markt

Die ersten Medikamente gegen Depressionen werden als „trizyklische Antidepressiva“ bezeichnet. Zu dieser Gruppe gehört Amitriptylin. Ausgangssubstanz dieser Antidepressiva war die Verbindung Chlorpromazin, die der französische Chemiker Paul Charpentier 1950 erstmalig synthetisierte. Die Substanz wirkte gegen Allergie-Beschwerden, zeigte aber auch eine stark beruhigende Wirkung. In den Folgejahren wurden immer neue Abkömmlinge entwickelt, bis der Pharmakonzern Merck 1961 Amitriptylin auf dem Markt brachte.

Amitriptylin: Ein Alleskönner?

Amitriptylin ist kein Alleskönner, der Begriff „Multitalent“ passt besser. Das Arzneimittel wirkt nicht nur gegen Depressionen, sondern auch gegen chronische Schmerzen. Vor allem in der Behandlung der chronischen Schmerzerkrankung Fibromyalgie erzielt Amitriptylin Erfolge. Aus diesem Grund wird das Medikament auch heute noch sehr häufig verschrieben, obwohl es modernere Antidepressiva gibt. Schmerzpatienten können zudem besser Schlafen und Schmerzattacken werden als nicht mehr ganz so belastend angesehen. Die Dosierung unterscheidet sich je nach Indikation:

  • Depressionen: 100 – 150 mg
  • Schmerzen: 5 – 25 mg

Aufgrund seiner schlaffördernden Wirkung sollten Sie Amitriptylin abends einnehmen. Moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) werden morgens eingenommen. Sie besitzen einen antriebssteigernden Effekt.

Weitere Indikationen von Amitriptylin

Amitriptylin hemmt auch die Produktion von Speichel. Ärzte nutzen diesen Effekt bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS).

Verschiedene Wirkungen auf das Gehirn

In unserem Gehirn fließen ständig Informationen von einer Region zur nächsten. Um solche Nervenimpulse weiterzuleiten, bedarf es spezieller Botenstoffe. Hier greifen Amitriptylin (und andere Antidepressiva) ein. Der Wirkstoff sorgt dafür, dass diese Botenstoffe nicht zu einem großen Teil wieder in die Nervenzellen aufgenommen werden. Dadurch erhöht sich deren Gehalt im Nervenwasser, was sich positiv auf die Stimmung auswirkt. Amitriptylin wirkt auf die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Ein Mangel dieser Verbindungen kann zu Depressionen führen.

Forscher vermuten weitere Wirkungen von Amitriptylin auf den Stoffwechsel unseres Gehirns. So wird die Aktivität eines Botenstoffs mit dem Namen Gamma-Aminobuttersäure (GABA) verstärkt. GABA ist der wichtigste hemmende Signalstoff unseres Gehirns. Hierdurch entfaltet Amitriptylin seine beruhigende und schlaffördernde Wirkung.

Stimmungsaufhellung lässt lange auf sich warten

Eins haben alle Antidepressiva gemeinsam: Der stimmungsaufhellende Effekt lässt lange auf sich warten. Erst nach etwa zwei Wochen dürfen Sie mit einer Linderung der Schwermut rechnen. Es ist völlig normal, dass Sie anfangs keine Änderung spüren. Nehmen Sie das Medikament unbedingt weiter! Bis zur vollen Wirkung können sogar sechs bis zwölf Wochen vergehen. Sollte jedoch überhaupt keine Besserung eintreten, sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Gegebenenfalls müssen Sie auf ein anderes Präparat umsteigen. Übrigens treten mögliche Nebenwirkungen gerade anfangs auf.

Wirkungen treten nach und nach ein

  • Beruhigende Wirkung: Nach etwa einer Einnahmewoche entfaltet sich der beruhigende und schlaffördernde Effekt
  • Antidepressive Wirkung: Nach frühestens zwei bis drei Wochen hellt sich die Stimmung langsam auf. Gleichzeitig lösen sich langsam aber sicher negative Gedanken.

Amitriptylin macht nicht süchtig

Wie bei anderen Antidepressiva brauchen Sie bei Amitriptylin keine Abhängigkeit zu befürchten. Es ist zur Langzeitanwendung zugelassen. Wenn sich Ihre Beschwerden gebessert haben, sollten Sie die Einnahme noch für mindestens sechs Monate weiterführen. Depressionen werden am besten durch eine Kombination aus Medikamenten, Psychotherapie und Sport behandelt. Sie können Amitriptylin in Form von Kapseln oder Filmtabletten einnehmen. Dies kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen.  Die Aufnahme erfolgt durch den Darm, der Abbau durch die Nieren.

Gewichtszunahme ist möglich

Eine Gewichtszunahme unter Amitriptylin ist möglich. Etwa jeder Zehnte Patient nimmt von Amitriptylin zu. Durch die Wirkungen im Gehirn kann das Sättigungsgefühl vermindert werden. Sie können einer Zunahme aber meistens vermeiden, indem Sie auf Ihre Ernährung und ausreichende Bewegung achten. Sport ist bei Depressionen ohnehin sehr empfehlenswert. Nehmen Sie trotzdem an Gewicht zu, sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Eventuell findet sich ein passenderes Präparat ohne diese Nebenwirkung.

Weitere Nebenwirkungen von Amitriptylin

Amitriptylin gilt als gut verträglich. Wie jedes Arzneimittel können aber Nebenwirkungen auftreten. Im konkreten Fall sind dies:

  • Müdigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Schwindel
  • Aggressivität
  • Mundtrockenheit
  • Herzrasen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Herzschwäche
  • Verstopfung
  • Durchfall
  • niedriger Blutdruck
  • Verminderung der Libido
  • Orgasmus-Schwierigkeiten (v. a. verzögerter Samenerguss)
  • vermehrtes Schwitzen
  • Hautausschlag
  • Blutbildungsstörungen
  • erhöhter Augeninnendruck

Wechselwirkungen beachten

Amitriptylin sollte nicht mit anderen Medikamenten eingenommen werden, die auf die Psyche wirken, außer Ihr Arzt hat dies ausdrücklich so verordnet. Insbesondere die Einnahme mehrerer Antidepressiva ist nicht ungefährlich. Ein Serotonin-Syndrom ist möglich. Dabei steigt der Serotonin-Gehalt im Gehirn zu stark.

Wechselwirkung von Amitriptylin

Wechselwirkungen bei der Einnahme von Amitriptylin sind mit folgenden Arzneimitteln möglich:

  • andere Antidepressiva und Psychopharmaka
  • Johanniskraut
  • Allergiemedikamente (Antihistaminika)
  • muskelentspannende Medikamente (Muskelrelaxantien)
  • Arzneimittel gegen Herzrhythmusstörungen (Antiarrhythmika)
  • Blutgerinnungshemmer

Vermeiden Sie während der Einnahme den Genuss von Alkohol!

Gibt es Kontraindikationen für Amitriptylin?

Personen unter 18 Jahren sollten Amitriptylin nicht einnehmen. Das Gleiche gilt für Schwangere und Stillende. Es liegen hierfür zu wenige Studien vor. Außerdem überwindet Amitriptylin die Plazenta und gelangt in die Muttermilch. Patienten mit Leber- und Nierenerkrankungen (insbesondere Niereninsuffizienz) dürfen kein Amitriptylin einnehmen. Ebensowenig Betroffene des Grünen Stars (Glaukom), da Amitriptylin den Augeninnendruck erhöhen kann. Außerdem können Medikamente gegen den Grünen Star in ihrer Wirkung geschwächt werden. 

Bestehende Herzerkrankungen, vor allem die Koronare Herzkrankheit (KHK) oder Herzrhythmusstörungen können verschlimmert werden. Auch Patienten mit einer Manie oder Epileptiker sind nicht für eine Therapie mit Amitriptylin geeignet. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

Amitriptylin: Alt aber gefragt

Alleine in Deutschland nehmen rund 10.000 Menschen Amitriptylin. Antidepressiva ist es zu verdanken, dass viele Depressive ein normales Leben führen können. Gerade Amitriptylin hilft überdies vielen Patienten mit einer Fibromyalgie. Wie für alle Psychopharmaka gilt: Sie können unsere Lebensumstände nicht ändern. Aber sie können uns helfen, unser Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen. Scheuen Sie sich daher keinesfalls, bei entsprechenden Beschwerden mit Ihrem Arzt zu reden. Er wird Sie kompetent beraten.

© 2013 – 2017 medizin.de (Gunnar Römer) zuletzt 11/2017

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